Sonntag, 4. Januar 2026

Wo Klimaschutz erfolgreich vorangeht: Großbritannien weist trotz Boom auf "Wasted Wind" hin

Diese Artikel sind sehr erfreulich, was die Energiewende betrifft. Allerdings rückt gerade im 2. Artikel das große Problem in den Vordergrund, das auch bei uns dominiert: der zu langsame Netzausbau, der zur riesigen Stromverschwendung führt. Von Speichern ist nicht die Rede, seltsamerweise meines Erachtens. 

Mir fällt dabei aber auch sofort die neue Strategie in Australien ein, die an Sonnentagen das Überschuss-Problem der PV-Anlagen durch kostenlosen Strombezug der Haushalte regelt hier
Das ist eine super clevere Idee, aber natürlich mit Windkraft etwas diffiziler.

Frankfurter Rundschau  hier 04.01.2026,

Großbritannien auf dem Weg zur „Supermacht in sauberer Energie“

Die Labour-Regierung treibt erneuerbare Energien voran und setzt gleichzeitig die Öl-und Gasindustrie unter Druck.

In der Klimapolitik bleibt Großbritannien auf Kurs. Während die Öl- und Gasindustrie der Insel einen Niedrigstand-Rekord an Investitionen in der Nordsee beklagt, plant die Regierung ein ehrgeiziges neues Paket zur Emissionsreduzierung. Steuererleichterungen und Fördergelder für Immobilienbesitzer:innen sollen den Anteil der erneuerbaren Energie an der Stromproduktion weiter erhöhen.

Nach zwei Jahrzehnten stetig fallenden Stromverbrauchs hat die Insel zwei Jahre größerer Nachfrage hinter sich; zuletzt sei der Bedarf um drei Prozent gewachsen, berichtet Professor Iain Staffell vom Imperial College. Das liege an der größeren Zahl von E-Fahrzeugen, mehr Wärmepumpen und dem gewaltigen Strombedarf der Datenzentren, die für die boomende Künstliche Intelligenz (KI) benötigt werden.

Fördermittel für Einbau von Wärmepumpen
Die Labour-Regierung unter Premier Keir Starmer knüpfte nach der Wahl im Juli 2024 ursprünglich an einen überparteilichen Konsens zur raschen Reduzierung klimaschädlicher Abgase an. Diesen Konsens haben die Konservativen im vergangenen Jahr unter dem Druck der nationalpopulistischen Reform-Party von Nigel Farage, die von Klimapolitik nichts wissen will, verlassen. Die beiden Rechtsparteien befinden sich damit im Einklang mit der Politik von US-Präsident Donald Trump und der neuerdings gebremsten Klimapolitik der EU.

Hingegen wollen die Sozialdemokraten das Königreich zu „einer Supermacht in sauberer Energie“ machen, wie Premier Starmer schwärmt. Beim UN-Klimagipfel COP30 im brasilianischen Belém war das Land durch den Regierungschef selbst sowie den Thronfolger Prinz William prominent vertreten, während die Präsidenten Indiens und Chinas durch Abwesenheit glänzten, die USA das Treffen sogar boykottierte.

Energieminister Edward Miliband, der das Klimaschutz-Ressort schon von 2008 bis 2010 geleitet hatte, gehört zu den wenigen Kabinettsmitgliedern mit profunden Fachkenntnissen und einem klaren Plan. Im Herbst lehnte er die von Starmer gewünschte Versetzung in ein anderes Ministerium ab. Im Januar will er ein umgerechnet 14,9 Milliarden Euro schweres und auf vier Jahre angelegtes Programm zur Emissionsreduzierung von Privathaushalten vorlegen. Millionen von Briten und Britinnen beheizen ihre zugigen Häuschen noch mit Gas; der Minister plant weitere Fördergelder für die Installation von Photovoltaik-Anlagen und für Wärmepumpen. Letztere werden in Großbritannien bereits mit Festbeträgen gefördert; die Preise für Installationen sind niedriger als in Deutschland. Zuletzt lag das Hauptaugenmerk britischer Energiepolitik auf der Windkraft. Im vergangenen Jahr produzierten mehr als 12.000 Windturbinen 31 Prozent des Strombedarfs – mehr als die mit Erdgas betriebenen Kraftwerke, die 28 Prozent beisteuerten. Der Beitrag von Atomenergie lag bei zwölf Prozent.

So sehr die Regierung den Ausbau von Offshore-Windanlagen an der 17.800 Kilometer langen Küste vorantreibt, so wenig hat sie für die Unternehmen übrig, die sich mit der Förderung fossiler Brennstoffe in der Nordsee befassen. Erstmals seit den 1960er Jahren wurde 2025 keine einzige Probebohrung eingeleitet, berichtet die im schottischen Edinburgh ansässige Beratungsfirma Wood Mackenzie (WM).

Suche nach fossilen Rohstoffen rückläufig
Die beteiligten Firmen planten 2026 Investitionen von etwa 2,9 Milliarden Euro, die niedrigste Summe seit den 1970er Jahren, hieß es weiter. „Bohrungen sind auf einem Tiefststand“, hat WM-Forschungsdirektorin Gail Anderson der Financial Times gesagt. Die Branche macht dafür eine Gewinnsteuer verantwortlich, die noch von der vormaligen Tory-Regierung eingeführt worden war. Dadurch wird ein effektiver Steuersatz von 78 Prozent fällig – „die Belastung ist so hoch wie in keinem anderen Land, in dem wir tätig sind“, klagt Linda Cook von Harbour Energy.

Labour hat die Grenze beim Öl- und Gaspreis angehoben, ab der die Gewinnsteuer fällig wird. Nichts aber deutet darauf hin, dass die Londoner Regierung Präsident Trumps Aufforderungen Folge leisten und für mehr Ölförderung in der Nordsee sorgen will.


Euronews hier Von Liam Gilliver   02/01/2026

Milliardenverlust trotz Rekorde: Großbritannien schaltet Windräder ab

Die Windkraft boomt quer durch Europa. Fachleute warnen: Wegen „unzureichender“ Investitionen ins Stromnetz könnten Milliarden verpuffen.


Das vergangene Jahr war ein großer Erfolg für Großbritanniens Erneuerbaren-Sektor, mit Rekordzahlen bei Projektgenehmigungen. Offshore-Windparks lieferten fast 17 Prozent des landesweiten Stroms.

Am fünften Dezember 2025 erzeugte Windkraft einen Rekord von 23.825 Megawatt Strom. Das reicht für mehr als 23 Millionen Haushalte. Allerdings hat Octopus Energy, einer der größten Energieversorger des Vereinigten Königreichs, die 


Methodik "Wasted Wind" entwickelt,
um die verschwendeten Kosten der Windkraft sichtbar zu machen.

Das Unternehmen warnt,
dass Großbritannien im vergangenen Jahr
erstaunliche £1,47 Milliarden (rund €1,67 Milliarden) verschwendet hat,
weil Windräder abgeregelt wurden (Abregelung) und Gaskraftwerke dafür bezahlt wurden, hochzufahren.


Bis heute übersteigen die Gesamtkosten der verschwendeten Windenergie im Land £3 Milliarden (€3,44 Milliarden). Das entspricht 24.643 MWh "grüner Elektronen". Genug, um Schottland einen Tag lang zu versorgen.

Warum Windräder abgeschaltet werden

Wenn der Wind zu stark bläst, flutet mehr saubere Energie das britische Stromnetz, als benötigt wird.

"Das erzeugt Stau wie zur Rushhour im Netz, und die Energie kommt nicht dorthin, wo sie gebraucht wird", erklärt Octopus Energy. "Darum zahlen wir, um sie erneut zu erzeugen, oft mit schmutzigen Fossilenergien, und zugleich dafür, den Wind abzuschalten."

Das Unternehmen meint, günstigere Preise dort, wo das Angebot hoch ist, könnten die Verschwendung senken. Das wäre eine bessere Nutzung dieser reichlich vorhandenen "grünen Elektronen".

Die Energiekosten sind in Großbritannien in den vergangenen Jahren explodiert, befeuert durch die Pandemie und Russlands umfassende Invasion der Ukraine. Ab dem ersten Januar 2026 zahlt ein Haushalt mit "typischem" Verbrauch (11.500 kWh Gas und 2.700 kWh Strom) £1.758 pro Jahr (€2.016).

Schottlands Energieministerin Gillian Martin nennt das aktuelle Energiesystem des Vereinigten Königreichs "nicht zweckmäßig" und sagt: "In einem energiereichen Land wie Schottland sollte niemand mit Rechnungen kämpfen oder in Energiearmut leben."

Eine Lösung über €32 Milliarden gegen Großbritanniens Energiekrise

Octopus Energy sagt, Ausbauten am Netz (also dem landesweiten Stromnetz) könnten die Verschwendung senken, warnt aber, dass dies eine "teure und komplizierte" Lösung ist.

Großbritanniens Netz entstand überwiegend rund um die Kohle. Als das Land auf Gas umstellte, entstanden viele Kraftwerke auf den Standorten früherer Kohlekraftwerke und nutzten deren Netzanschlüsse.

Doch die Stromquellen verlagern sich von sehr großen, zentralen Anlagen hin zur Windkraft, die über das Land verteilt und auf See steht. Großbritannien hat Mühe, den erzeugten Strom zu transportieren.

Einfach gesagt: Es reicht nicht, grüne Energie zu erzeugen. Sie muss ins Netz und von dort in Haushalte und Unternehmen. Eine Investition von €32,12 Milliarden könnte das ändern.

Die britische Energieregulierungsbehörde Ofgem verkündete den Schub im vergangenen Monat und stellte £17,8 Milliarden (€20,30 Milliarden) für die Instandhaltung der Gasnetze bereit, "damit sie zu den sichersten, verlässlichsten und widerstandsfähigsten weltweit gehören".

£10,3 Milliarden (€11,82 Milliarden) fließen in das Stromübertragungsnetz (es transportiert Energie über große Entfernungen von Kraftwerken zu lokalen Umspannwerken), um die Zuverlässigkeit zu erhöhen und die Kapazität auszubauen.

Ofgem sagt, die Zusage über £28 Milliarden (€32,14 Milliarden) werde bis 2031 auf geschätzt £90 Milliarden (€103 Milliarden) anwachsen, und zwar über Gas- und Stromnetze hinweg.

Droht auch Europa, Windstrom zu verschwenden?

Europa ist von diesem teuren Problem nicht ausgenommen. Eine aktuelle Analyse warnt, dass "unzureichende" Netzinvestitionen den Weg zur Elektrifizierung verzögern.

Der Bericht mit dem Titel The State of European Power Grids: A Meta-Analysis fordert einen schnellen Netzausbau, um längere Anschlusswarteschlangen, wachsende Engpässe und begrenzte grenzüberschreitende Kapazitäten zu bewältigen.

Er ergibt: Um bis 2050 Net Zero zu erreichen (wenn menschengemachte Emissionen durch Aufnahme aus der Atmosphäre ausgeglichen werden), braucht es eine Verdreifachung der Solar- und Windkapazitäten und ein Wachstum der Stromnachfrage um mehr als 70 Prozent.

Dem Bericht zufolge lagen die Kosten für Engpassmanagement in Europa 2024 bei fast €9 Milliarden, während 72 TWh, überwiegend erneuerbare Energie, wegen Engpässen abgeregelt wurden. Das entspricht etwa dem jährlichen Stromverbrauch Österreichs.


Die Netzinvestitionen in Europa sind
in den vergangenen fünf Jahren
um 47 Prozent auf rund €70 Milliarden pro Jahr gestiegen, dennoch warnen Fachleute, dass dies nicht ausreicht.


Gerhard Salge, Chief Technology Officer bei Hitachi Energy, sagt, es sei daher "zwingend erforderlich", dass Europa den Netzausbau in den Mittelpunkt stellt.

"Mit zunehmender Integration und Vernetzung müssen wir den Herausforderungen bei Kapazität und Komplexität ausreichend Aufmerksamkeit schenken, um ein sicheres, bezahlbares und nachhaltiges Netz zu gewährleisten", fügt er hinzu.


"Die Technologien sind vorhanden.
Jetzt müssen wir sie schnell und im großen Maßstab einsetzen."


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