SWR hier 31.12.2025, Frieder Kümmerer
Wieder Zoff um S21: Stimmen die Berechnungen zum neuen elf Kilometer langem Zusatz-Tunnel?Der Pfaffensteigtunnel soll künftig Fahrgäste aus Zürich und Singen zum Flughafen Stuttgart und in den neuen S21-Tiefbahnhof bringen. Doch Kritiker zweifeln am wirtschaftlichen Nutzen.
Der geplante Pfaffensteigtunnel zwischen Böblingen und Flughafen Stuttgart sei nicht rentabel.
Zu diesem Schluss kommen zwei S21-kritische Ingenieure und das Aktionsbündnis gegen Stuttgart 21. Demnach würde der volkswirtschaftliche Nutzen weit unter der vorgeschriebenen Marke liegen. Landesverkehrsminister Winfried Hermann (Grüne) begrüßt die kritische Begleitung des Vorhabens, verweist aber auf eigene Berechnungen, die die Rentabilität belegen würden. Der geplante Eisenbahn-Tunnel soll ab 2032 die Gäubahn, also die Züge zwischen Zürich, Singen, Horb und Stuttgart, an den neuen Bahnknoten Stuttgart anbinden.
Zu diesem Schluss kommen zwei S21-kritische Ingenieure und das Aktionsbündnis gegen Stuttgart 21. Demnach würde der volkswirtschaftliche Nutzen weit unter der vorgeschriebenen Marke liegen. Landesverkehrsminister Winfried Hermann (Grüne) begrüßt die kritische Begleitung des Vorhabens, verweist aber auf eigene Berechnungen, die die Rentabilität belegen würden. Der geplante Eisenbahn-Tunnel soll ab 2032 die Gäubahn, also die Züge zwischen Zürich, Singen, Horb und Stuttgart, an den neuen Bahnknoten Stuttgart anbinden.
S21: Debatte über die Anbindung der Gäubahn an Flughafen und Stadt
Pfaffensteigtunnel und Gäubahn: Wo liegt das Nutzen-Kosten-Verhältnis?
Entscheidend an der Kritik der S21-Gegner ist das sogenannte Nutzen-Kosten-Verhältnis (NKV), beziehungsweise die Nutzen-Kosten-Untersuchung (NKU). Ist der Wert dabei 1 oder höher, gilt ein Bauvorhaben als rentabel; der volkswirtschaftliche Gewinn ist dann höher als die Baukosten.
Laut Bundesverkehrsministerium liegt dieser Wert für den Pfaffensteigtunnel gemeinsam mit dem zweigleisigen Ausbau der Gäubahn bis nach Singen (Kreis Konstanz) und zur Schweizer Grenze beim Wert 1,6. Sowohl das Land Baden-Württemberg als auch Bundespolitik und Bahn gehen daher davon aus, dass das Projekt genehmigt wird.
Doch der Physiker und Analyst Christoph Engelhardt vom Onlineportal WikiReal sowie Roland Morlock, IT-Unternehmensberater und der baden-württembergische Vorsitzende vom Deutschen Bahnkundenverband, zweifeln diesen Wert an. Nach ihren Berechnungen liege dieser Wert nur bei 0,23, also deutlich unter dem notwendigen Wert für eine Genehmigung. Grund für den Unterschied laut der Kritiker: Die Bahn beziehe in ihrer Berechnung nicht nur den Bau des Tunnels, sondern auch den zweigleisigen Ausbau der Gäubahn südlich von Böblingen mit ein.
Im Gespräch bei SWR Aktuell erläutert Frieder Kümmerer auch die neuen Vorwürfe am Bau des Pfaffensteigtunnels:
Die nächste Großbaustelle steht in Stuttgart an 2 Min
Kritiker: Kosten-Nutzen-Berechnung unzulässig
"Die Bündelung des Pfaffensteigtunnels mit dem zweigleisigen Ausbau der Gäubahn ist unzulässig", sagt Roland Morlock. Der Tunnel müsse eigenständig den Nutzen erreichen. Und das tue er eben nicht: "Der zweigleisige Gäubahnausbau allein erreichte dagegen ein NKV von 2,7", sagt Morlock weiter. Sein Mitstreiter Christoph Engelhardt ergänzt: "Der Tunnel wird gerechtfertigt mit einer vermeintlich notwendigen Fahrzeitverkürzung zur Erreichung des Taktknotens im neuen Stuttgarter Tiefbahnhof."
Doch werde es in Stuttgart beim neuen Deutschlandtakt keinen Taktknoten geben.
"Bahnchefin Evelyn Palla sagt, die bei Stuttgart 21 begangenen Fehler dürften sich bei weiteren Großprojekten nicht wiederholen", führt Engelhardt weiter aus. Beim Pfaffensteigtunnel aber passiere genau das. Auf keine seiner Einwendungen im Planfeststellungsverfahren habe Engelhardt bisher eine Antwort erhalten. Dennoch soll in wenigen Wochen mit dem Bau begonnen werden. "Dieses Vorgehen empfinde ich als Ausbooten der Kritiker."
"Bahnchefin Evelyn Palla sagt, die bei Stuttgart 21 begangenen Fehler dürften sich bei weiteren Großprojekten nicht wiederholen", führt Engelhardt weiter aus. Beim Pfaffensteigtunnel aber passiere genau das. Auf keine seiner Einwendungen im Planfeststellungsverfahren habe Engelhardt bisher eine Antwort erhalten. Dennoch soll in wenigen Wochen mit dem Bau begonnen werden. "Dieses Vorgehen empfinde ich als Ausbooten der Kritiker."
Bahn und Verkehrsminister weisen Kritik zurück
Bahnchefin Palla zeigte sich indes kürzlich auf der Pressekonferenz des S21-Lenkungskreises unbeirrt: "Der Pfaffensteigtunnel wird nicht mehr infrage gestellt." Auf SWR-Anfrage erklärt die Bahn, man gehe davon aus, dass die Genehmigungen für den Bau rechtzeitig vorliegen, um Anfang 2026 bauen zu können. "Ausgehend vom Bundesverkehrswegeplan 2030 soll die Fahrzeit zwischen der Grenze zur Schweiz und Stuttgart so verkürzt werden, dass die Gäubahn sowohl in Zürich als auch in Stuttgart sowie an den wichtigsten Bahnhöfen dazwischen - einschließlich Singen und Böblingen - attraktive Anbindungen erhält." Davon werde neben dem Fern- auch der Regionalverkehr profitieren.
Das Eisenbahnbundesamt hat in atemberaubender Geschwindigkeit den Planungsprozess begleitet und dann auch genehmigt. Und die Finanzierung ist weitgehend geklärt.
Winfried Hermann, Grüne, Verkehrsminister Baden-Württemberg
"Ich schätze das sehr, dass es Menschen gibt, die sich als Amateure so reinknien und ihr eigenes Verständnis, ihre eigene Kompetenz aus dem Beruf da mitnehmen und das Projekt kritisch begleiten", sagte Verkehrsminister Winfried Hermann (Grüne) im SWR zu den Vorwürfen der Kritiker. "Die haben auch schon viel aufgedeckt." Was die Gegner aber übersehen, sei laut Hermann, dass die S21-Planung vor dem Pfaffensteigtunnel eine Gäubahn-Anbindung über die S-Bahn-Gleise zwischen Böblingen und dem Flughafen vorgesehen hätten. Das sei laut Hermann nicht umsetzbar gewesen. Zudem habe das Verkehrsministerium alle Daten geprüft und komme zur Auffassung, dass der Nutzen die Kosten übersteigt.
Bahnexperte hält Alternativen zum Pfaffensteigtunnel für sinnvoll
Felix Berschin ist Bahnexperte und Fahrplananalyst aus Heidelberg. Er teilt die Kritik am Pfaffensteigtunnel. "Wenn man denkt, wo es überall klemmt bei der Eisenbahn in Deutschland, dass dann ausgerechnet mehrere Milliarden in den Pfaffensteigtunnel fließen sollen: Da kann man schon daran zweifeln, ob der Tunnel das wichtigste Projekt in Deutschland ist." Auch er war wie Hermann gegen die ursprünglichen Pläne der Gäubahn-Anbindung. "Aber wenn man sieht, was jetzt für Lösungen aus dem Hut gezaubert werden, hätte man auch kreativ nach anderen Lösungen suchen können, die nicht so kostenintensiv sind." Berschin stimmt zu, dass der Bau des Pfaffensteigtunnels eher unwirtschaftlich sein dürfte.
Bund stellt 1,69 Milliarden Euro für Bau bereit
Der Bundeshaushalt stellt für den Bau 1,69 Milliarden Euro bereit. Kritiker gehen davon aus, dass der Tunnel zwischen 2,5 und 3 Milliarden Euro kosten könnte. Engelhardt und Morlock, aber auch das Aktionsbündnis gegen Stuttgart 21 befürchtet beim Pfaffensteigtunnel eine erneute Kostenexplosion, wie bereits bei S21 selbst.
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