Donnerstag, 1. Januar 2026

Wir müssen aufhören, zu glauben, dass wir dann glücklich sind, wenn nichts Schlimmes passiert

 Petra Pinzler  hier   LinkedIn

Wir haben über die Zukunft gesprochen. 

Warum sie uns in der Regel so düster vorkommt. 

Was sie mit unserer Gegenwart macht.

Und warum wir sie nicht unbedingt in ein rosiges Licht tauchen, aber wenigstens nicht mehr so lähmend und bedrohlich finden sollten.

Antworten gaben uns die SchriftstellerinJuli Zeh, der SozialwissenschaftlerSteffen Mau, und der Chef des Futurium Stefan Brandt.


Die Zeit Nr. 01/2026  hier  Interview: Tina Hildebrandt und Petra Pinzler 29.12. 2025 

"Die Zukunft ist nicht nur etwas, das uns zustößt"

Mehr Utopie wagen: Wie können wir das Morgen wieder optimistischer denken? Ein Gespräch mit dem Kulturmanager Stefan Brandt, dem Soziologen Steffen Mau und der Schriftstellerin Juli Zeh

DIE ZEIT: Sie haben sich alle auf die eine oder andere Weise beruflich mit der Zukunft beschäftigt: Sie, Frau Zeh, haben Romane geschrieben, die in einer nahen dystopischen Zukunft spielen. Herr Mau, Sie sammeln Daten über die Gesellschaft, und Sie, Herr Brandt, leiten das Futurium, da ist schon der Name Programm. Wie macht man sich ein Bild von etwas, das noch nicht da ist?

Juli Zeh: Literarisch tut man das, indem man die Gegenwart verlängert. Man extrapoliert gegenwärtige Trends in die Zukunft und färbt sie entweder dystopisch oder utopisch. Als literarisches Verfahren ergibt das Sinn, als Geisteshaltung ist es nicht immer gut, das so zu machen.

Stefan Brandt: Wir sprechen im Futurium bewusst von Zukünften, weil wir zeigen wollen, dass es sehr unterschiedliche Wege gibt, sich das vorzustellen, was kommt. Man kann das Existierende fortschreiben, wie Juli Zeh es beschreibt. Man kann aber auch Zeitsprünge wagen. Wir tun das beispielsweise, indem wir Wissenschaft mit Kunst verbinden und so etwas Kreatives, Neues hinzufügen, das auch disruptiv sein kann. Denn viele wirkmächtige Zukunftsbilder sind von der Vergangenheit geprägt, zum Beispiel von Science-Fiction wie Star Trek, aber auch von moderneren, häufig dystopischen Filmen mit Tech-Fokus. Wir regen Menschen an, ihre eigenen Zukunftsbilder zu entwerfen.

ZEIT: Herr Mau, wie erarbeiten Sie sich die Zukunft?

Steffen Mau: Der Ausgangspunkt sind bestimmte Entwicklungspfade, die die Gesellschaft genommen hat. Über die demografische Entwicklung der Weltbevölkerung kann man beispielsweise leicht Prognosen machen. Oder schauen wir auf die Diskussion zum Rentensystem: Da gab es schon vor 20 Jahren sehr treffsichere Prognosen über das Verhältnis von Erwerbstätigen und Leuten im Ruhestand. Bei anderen Fragen ist es unglaublich kompliziert, da nimmt unsere Prognosefähigkeit tendenziell ab. Wir alle kennen die Diskussionen über die Polykrise, die Zeitenwende oder den Epochenbruch. Das deutet schon darauf hin, dass wir womöglich an einer kritischen Weichenstellung der historischen Entwicklung stehen. Wo die Zukunft aber immer unsicherer wird, will jeder umso mehr wissen, wie es weitergeht.

Steffen Mau, 57, leitet das Max-Planck-Institut zur Erforschung multireligiöser und multiethnischer Gesellschaften

Zeh: Ich glaube, grundsätzlich ist unsere Fähigkeit eher gewachsen, Zukunft vorherzusehen. Wir haben aber zugleich ein ganz starkes Sicherheitsbedürfnis, das sich nach vorne richtet. Wir glauben nicht mehr an das Schicksal oder die göttliche Fügung und haben das Gefühl, die Zukunft gestalten und verwalten zu müssen. Wir übersehen dabei oft, dass die Zukunft auch ein psychologischer Ort ist. Egal, wie sehr wir sie wissenschaftlich modellieren, bleibt sie doch eine Fiktion und ein Gestaltungsraum, den wir füllen können. Sie ist nicht nur etwas, das uns zustößt.

Mau: Gleichzeitig prägt die Zukunft, die wir uns vorstellen, unsere Entscheidungen in der Gegenwart. Ob man heute optimistisch oder pessimistisch ist, ob man investiert oder nicht investiert, hängt an Zukunftserwartungen. Ich würde schon sagen, dass die Zukünfte früher erwartbarer waren, jedenfalls wenn man auf die Gesamtheit der Strukturen schaut. In der Vergangenheit existierte zum Teil über Generationen hinweg sehr große Stabilität, fast eine Gleichförmigkeit. Natürlich gab es Kriege und Pandemien, aber Wissen und Technologie wurden längst nicht so schnell überholt. Und auch die politischen Verhältnisse konnten mitunter recht starr und unbeweglich sein. Wenn ich ins kommende Jahr schaue, 2026, kommen da mit fünf Landtagswahlen in Deutschland, den Midterms in den USA und der geopolitischen und wirtschaftlichen Entwicklung eine ganze Menge Faktoren auf uns zu, die einen sehr unterschiedlichen Verlauf möglich machen.

Juli Zeh, 51, ist  Schriftstellerin. Zuletzt erschien ihr Roman »Zwischen Welten«  (mit Simon Urban)

Zeh: Politisch und ökonomisch stimmt das, aber nicht unbedingt für jeden Einzelnen. Wenn eine Frau früher acht Kinder zur Welt gebracht hat, wusste sie noch nicht mal, wie viele wahrscheinlich überleben. Oder ob es im nächsten Jahr eine Ernte gibt und man eine Chance hat, über den Winter zu kommen. Es gab weniger Möglichkeiten, sich zu helfen, und deswegen musste man mehr vertrauen. Die ganze christliche Botschaft redet von Hoffnung und Vertrauen, das ist eine psychologische Hilfe, um mit Unwägbarkeit klarzukommen. Heute würde man so einer Botschaft schnell vorwerfen, dass sie pathetisch und problemvergessen ist.

Mau: Stimmt, die Fähigkeit zur mehr oder weniger rationalen Lebensplanung ist überhaupt erst in der Moderne entstanden.

Stefan Brandt, 49, leitet das Ausstellungs-  und Veranstaltungs forum Futurium  in Berlin

Brandt: Aber sie wird auch heute immer wieder erschüttert. Schauen wir allein auf uns in Deutschland: Hätte man noch Mitte 1989 die Menschen gefragt, ob es 1990 die deutsche Einheit geben werde, wäre der Anteil der Ja-Stimmen sicher sehr gering gewesen. Brüche und auch Unvorhersehbarkeiten gab es immer schon und wird es immer geben. Aber man bekommt heute durch Social Media einen kontinuierlichen Strom politischer Ereignisse und Entwicklungen geliefert und dazu noch eine sehr große Bandbreite von sogenannten alternativen Fakten und Fake-News. So kann das Gefühl entstehen, von der Zukunft überrollt zu werden. Viele, die ins Futurium kommen, häufig auch jüngere Menschen, erklären zu Beginn, sie hätten nichts zu sagen über die Zukunft. Die Zukunft werde von anderen gemacht, von der Industrie, der Politik. Sie fühlen sich ohne eigene Rolle. Unsere Aufgabe ist es, Vertrauen zu schaffen, dass jeder und jede doch etwas verändern könnte.

Zeh: Ich finde das unverzichtbar für uns Menschen, dass Zukunft positiv gedacht werden kann. Wenn wir die Zukunft nur negativ denken oder uns nur als Gast und Opfer begreifen, werden wir depressiv und handlungsunfähig. Wir brauchen diese Idee von Verbesserungsmöglichkeit oder zumindest von einem guten Klarkommen. Das ist eine Haltungsfrage. Zu dieser Haltung müssen wir wieder finden. Denn wenn Leute in Resignation verharren, sorgt das auch für politische und gesellschaftliche Probleme. Ich glaube, der Rechtspopulismus hat unter anderem damit zu tun.

Mau: Da ist sicherlich viel dran. Selbstwirksamkeit hat allerdings auch mit dem sozialen Status zu tun. Schicksalsergebenheit oder Fatalismus ist besonders stark bei denen ausgeprägt, die in der Gesellschaft unten sitzen. Sie haben weniger Handlungsmöglichkeiten und weniger Entscheidungsautonomie. Das kann man nicht allein durch Appelle abstellen. Wir haben nun mal eine Welt mit sehr ungleichen Lebenschancen und ungleichen Möglichkeiten der Lebensgestaltung. Und das bestimmt auch, was Menschen von der Zukunft erwarten können. In unseren Studien zeigt sich, dass mehr als 40 Prozent sich vom sozialen Wandel überrannt fühlen. Sie sagen: Ich komme einfach nicht mehr mit, das wird mir alles zu viel. Ich nenne das Veränderungserschöpfung. Wenn auch im Alltag sehr viel Umbruch stattfindet, etwa durch die Digitalisierung oder die Reorganisation der Arbeitswelt, dann gerät eine Gesellschaft unter Stress. Dazu kommt, dass die politischen Zukunftsversprechen weggebrochen sind. Es gibt eine große Krise der Fortschrittserzählung.

Brandt: Ja, der Umgang mit Zukunft ist sicherlich auch ein soziales Thema. Wir fahren deswegen mit unserem Mobilen Futurium bewusst in ländliche Gebiete abseits der Metropolen. Wir organisieren in Schulen Workshops mit Zukunftsthemen, und da hören wir manchmal zu Beginn: Ist doch eh alles beschissen! Und am Ende eines Workshops kommen dann die Jugendlichen auf uns zu und sagen: Ich glaube, ich kann doch etwas machen. Das sind dann echte Sternstunden.

"Wir wollen nur noch das verteidigen, was wir jetzt haben"

Zeh: Ich wohne in einer Region in Brandenburg, in der sozialökonomisch viele eher am unteren Rand der Gesellschaft leben. Für viele der Leute hier ist dieses altmodische Aufstiegsversprechen in Bezug auf ihre Kinder unglaublich wichtig. Kinder sind Ausdruck einer Zukunft, und das Schlüsselthema in diesem Zusammenhang ist Bildung, und zwar ganz konkret: Unterricht muss stattfinden. Das Kind muss, wenn es die Leistung bringt, auf eine weiterführende Schule gehen können. Diese Schule muss erreichbar sein, es muss also einen Nahverkehr geben. Es gibt hier Menschen, die können ihre Kinder nicht aufs Gymnasium schicken, weil es dort keinen Platz gibt oder weil die Schule so weit weg ist, dass man mit dem Bus mehr als 90 Minuten fährt. Das heißt, das Aufstiegsversprechen scheitert an der real existierenden Infrastruktur. Da gibt es einen ganz altmodischen Handlungsbedarf.

ZEIT: Wir haben bei der Erklärung dafür, warum so viele Leute düster in die Zukunft schauen, jetzt eher individuelle Erklärungen und Lebenslagen betrachtet. Was ist denn mit so großen Szenarien wie der Klimakrise, dem Artensterben, Kriegen, die wahrscheinlicher geworden sind? Das sind durchaus reale Prognosen, die darauf hinweisen, dass die Zukunft düster wird.

Mau: Auch hier ist die entscheidende Frage, die sich viele Menschen stellen: Wird es den Kindern besser gehen? Wir sehen bei Aufsteigergesellschaften im Globalen Süden, dass viele Eltern das noch glauben. Bei uns, im Globalen Norden, wird der Anteil immer geringer. Da ist ein so hohes Wohlstandsniveau erreicht, dass die Wahrscheinlichkeit für Verbesserungen sehr gering ist. Dazu kommt auch ein verbreitetes Risikobewusstsein. Wir wissen um die ökologische Krise, die Grenzen des Wachstums und vieles mehr. Mein Kollege Andreas Reckwitz spricht von "Risikopolitik" als Politik des Negativen, die die Abwehr und Minimierung möglicher Schäden ins Zentrum stellt. Wir wollen nur noch das verteidigen, was wir jetzt haben, aber es fehlt die positive Zukunftsvision. Zudem gerät das westliche liberale Modell unter Druck, durch Anfechtungen von innen, aber auch durch neue autoritäre Konkurrenz von außen. Politisch gibt es eine Krise des Krisenmanagements.

ZEIT: Was könnte denn dieses fehlende Zukunftsversprechen ersetzen?

Brandt: Es kann schon einmal weiterhelfen, einfach die Leute zu fragen. Wir haben vor Ort im Futurium und im Internet ein Exponat, das nennt sich Wünschespeicher. Da schreiben die Menschen ihre Wünsche für die Zukunft hinein. Es sind jetzt schon Hunderttausende Wünsche, und es werden täglich mehr. Da steht dann: "Ich wünsche mir für die Zukunft, dass der Klimawandel gestoppt wird." Oder: "Ich wünsche mir Frieden." Frieden ist der Topwunsch der Zeit, aber es finden sich auch viele individuelle Wünsche, von "Süßigkeiten, die nicht dick machen", über "drei Monate Sommerferien" bis hin zu "Dass es meiner Mama wieder gut geht". All das dokumentiert die Komplexität der menschlichen Psyche. Der Mensch denkt in kollektiven Szenarien, und die machen Hoffnung oder verursachen Ängste. Auf der anderen Seite hat jeder auch individuelle Bedürfnisse, und die haben dann wieder einen Bezug zu den großen Wünschen. Das bedeutet für uns: Selbst vom Wunsch "Süßigkeiten, die nicht dick machen", kann man eine Diskussion über unsere kollektive Zukunft starten. Indem man Fragen stellt wie: Was muss man dafür tun? Wer könnte das entwickeln?

Zeh: Dass Wünsche an die Zukunft sehr individuell sind und von Süßigkeiten bis hin zum Weltfrieden reichen, haben Sie schön beschrieben! Es gibt etwas, das darüber hinausweist: Wir müssen alle weg von der Idee, dass die Zukunft ein störungsfreier Ort sein wird. Sie wird nie ein Wellness-Paradies sein. Das war nie so, und es wird auch nie so sein. Sie wird auch nie ein kontrollierbarer Ort sein.

Die Zukunft war noch nie so beschissen

Mau: Stimmt, es wird nie eine Situation eintreten, in der alles geregelt sein wird. Es wird immer Krise sein, in irgendeiner Form, groß, klein, wo auch immer, weltweit. Aber auch in der Polykrise kann man ein lebenswertes Leben führen.

ZEIT: Ist also gar nicht die Zukunft selbst das Problem, sondern der Anspruch, den wir an sie haben?

Zeh: Das Problem ist, dass wir Glück heute anders definieren. Wir verwechseln es oft mit dem Nichtstattfinden von Herausforderungen. Dabei ist das kontraintuitiv. Man weiß doch, dass Menschen manchmal glücklich sind, wenn sie gemeinsam ein krasses Problem lösen. Ein Unfall ist erst mal etwas Schreckliches. Aber wenn 20 Leute zusammenströmen und helfen, so gut es geht, sind die in dem Moment auf eine ganz bestimmte Art glücklich. Wir müssen aufhören, zu glauben, dass wir dann glücklich sind, wenn nichts Schlimmes passiert. Ich will damit nicht tragische Ereignisse in etwas Positives ummünzen, ich will nur sagen, dass wir als Menschen die Fähigkeit haben, Erfüllung in der Bewältigung von Herausforderungen zu finden. Und zwar mehr als im Stillstand.

Mau: Ich habe große Sympathie für die Einstellung, die Juli Zeh einfordert. Natürlich haben Menschen positive Gefühle, wenn ihnen gemeinsam etwas gelingt. Trotzdem ist in unserer Gesellschaft ein Syndrom sehr weit verbreitet, das uns zukunftsunfähig macht: Wir packen Herausforderungen aus Angst vor dem Scheitern nicht an und vergrößern so langfristig unsere Probleme noch.

ZEIT: Wird die Zukunft vor allem durch technologische Innovationen verändert werden oder durch das Verhalten der Menschen?

Zeh: Ich finde es schwer, das voneinander zu trennen. Die Technikrevolutionen, die wir momentan erleben, also alles, was mit Digitalität und zunehmend mit künstlicher Intelligenz zu tun hat, scheint mir extrem mit dem Menschlichen verknüpft zu sein. Auch, weil Technologie nichts ist, was uns zustößt. Wir entwickeln sie, weil wir glauben, dass sie bestimmte Probleme löst. Sie ist die Folge von Bedürfnissen und Verhaltensweisen.

"Eine Dystopie kann auch eine warnende Funktion haben"

Brandt: Für eine positive Zukunft ist es allerdings entscheidend, technologische Entwicklungen stärker mit gesellschaftlichen Bedürfnissen zu verbinden. Ist die algorithmisierte Welt von Social Media wirklich nur die Folge menschlicher Bedürfnisse? Ich würde das bezweifeln. Deswegen wäre es wichtig, dass die Politik wieder in eine stärkere aktive und nicht nur reaktive Rolle kommt – und damit dann auch positivere Zukunftsszenarien befördert.

Zeh: Absolut richtig. Gerade in Bezug auf KI bildet sich ein apokalyptisches Bild heraus, bis hin zur Abschaffung oder Zerstörung der Menschheit. Man könnte KI stattdessen auch als Lösungsoption für Probleme globaler Natur sehen, sei es die Verlangsamung des Klimawandels oder die bessere Verteilung von Nahrungsmittelressourcen. Man könnte sagen: Klar, da kommt etwas auf uns zu – aber wir entwickeln Technologien, die uns helfen, damit besser klarzukommen.

Mau: Was ich dazu lese, gerade von Leuten, die zu den Pionieren der künstlichen Intelligenz gehören, sagt mir: Da lauern schon Gefahren. Das heißt nicht, dass die Menschheit durch KI-Systeme unterjocht wird, aber diese Technologie ist in den Händen von Tech-Bros, also von einigen wenigen mit ökonomischen Interessen und enormem politischem Einfluss. Sie schaffen Systeme, denen wir eigentlich nicht mehr entrinnen können – es sei denn, wir koppeln uns völlig vom sozialen Leben ab. Ich sage häufig, wenn die digitale Revolution 30 Jahre früher stattgefunden hätte, würde es die DDR wahrscheinlich noch geben, weil die Staatssicherheit viel effektivere Möglichkeiten gehabt hätte, Menschen zu kontrollieren und zu manipulieren.

Zeh: Oder die DDR wäre schneller zusammengebrochen, weil der Widerstand die Möglichkeit gehabt hätte, sich besser zu vernetzen. Das Entscheidende ist, dass die Politik in einer Demokratie die Schnittstelle besetzen muss zwischen denen, die die Technik entwickeln, und den Menschen, denen sie nutzen soll. Schon damit das Gefühl weicht, man habe es mit Naturgewalten zu tun.

ZEIT: Warum macht man sich eigentlich so schnell lächerlich, wenn man sagt: Die Zukunft wird gut? Sind Dystopien so viel interessanter?

Brandt: Dystopien zahlen auf menschliche Urängste ein. Sie haben auch ein höheres Konfliktpotenzial. Drama, baby – das wirkt! Deswegen ist auch bei zukunftsbezogenen Filmen die Zahl der Dystopien deutlich höher als die der Utopien. Das muss nicht schlecht sein, eine Dystopie kann auch eine warnende Funktion haben und für einen kollektiven Schock sorgen. 1983 hat sich beispielsweise der Film The Day After mit den Folgen eines Atomkrieges beschäftigt. Der hatte einen enormen Schockeffekt auf die amerikanische Bevölkerung, bis hin zum damaligen Präsidenten Ronald Reagan. Der Film hat so wahrscheinlich mit dazu beigetragen, dass die USA dann Mitte der Achtzigerjahre auf einen Abrüstungskurs einschwenkten.

Zeh: Der Satz "Alles wird gut" ist genauso dumm wie der Satz "Alles wird schlecht". Was wir sagen können, ist: "Alles wird." Der Satz hat immer Gültigkeit. Wir brauchen diese beiden Anteile, die sind wie zwei Leitplanken, links und rechts, und wenn man nur die eine hat, hängt man schief. Mein Eindruck ist aber, dass wir zurzeit ein bisschen zu viel auf dieser dystopischen Seite denken, fühlen und auch argumentieren. Deswegen bemühe ich mich, die andere Seite ein bisschen stärker zu machen.

Brandt: Es braucht eine Renaissance von Utopien, aber nicht so wie im 19. und frühen 20. Jahrhundert, als es vermeintliche Masterpläne für die Gesellschaft gab, den Kommunismus beispielsweise, die dann brutal gescheitert sind. Wir brauchen heute stärker veränderliche, dynamische Zukunftsbilder, damit wir uns überhaupt erst mal vorstellen können, wie eine Gesellschaft jenseits des Status quo auch aussehen könnte.

Mau: Es gab in der westlichen Geschichte schon mal eine lange Phase mit positiv aufgeladenen Ideen von der Zukunft, die ganze Modernisierungstheorie nach dem Zweiten Weltkrieg war voll davon. Das ist ein Stück weit enttäuscht worden, hat an Glaubwürdigkeit verloren. Von daher ist es nicht überraschend und vielleicht auch nicht vollständig unangebracht, in Negativszenarien zu denken. Weil sie uns zeigen, was wir gerne abwenden wollen. Würden wir beim Klimawandel immer nur davon ausgehen, dass das Problem irgendwann in der Zukunft technologisch lösbar ist, könnten wir auch sagen: Wir machen einfach eine exzessive fossile Phase durch, und danach wird alles gut. Das wäre für mich eine naive Haltung zu den Herausforderungen der Gegenwart.

ZEIT: Die Idee des Wünschespeichers hat uns gut gefallen. Herr Brandt, was war Ihr Lieblingswunsch aus dem Speicher?

Brandt: Da gibt es originelle Wünsche wie die "Dönerpreisbremse". Klingt witzig, hat aber einen ernsten Kern, denn neben dem individuellen Wohlergehen spielt auch die soziale Frage eine Rolle. Besonders schön finde ich den Wunsch nach einer App, bei der sich Senioren und Kinder anmelden können. Die App ermittelt dann ein passendes "Paar". Die ältere Person kann dem Kind Dinge beibringen, und zugleich bekommt sie vom Kind Gesellschaft. Also ein Dialog zwischen den Generationen – davon brauchen wir mehr!

Zeh: Das klingt wirklich toll! Die Koalition sollte mal den Wünschespeicher aufmachen, um auf neue Ideen zu kommen.

ZEIT: Was würden Sie sich wünschen, Frau Zeh?

Zeh: Ich wünsche mir wirklich, dass wir zu einer positiven Kraft zurückfinden, die die Zukunft als etwas begreift, das wir meistern können.

Mau: Mein Wunsch geht in eine ähnliche Richtung: Ich wünsche mir, dass wir gesellschaftlich und politisch wieder handlungsfähiger werden und damit fitter für die Zukunft und die vielen Herausforderungen, die vor uns liegen.

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