Dienstag, 30. Dezember 2025

Ich habe mich so intensiv mit den Schwächen von Diktaturen befasst, dass ich optimistischer denn je bin, was die Zukunft der Demokratie angeht

hier perspective daily / Interview  von  Katharina Wiegmann 2. Juli 2025 

Warum das Ende von Tyrannen oft näher ist, als wir denken

Diktatoren wirken unantastbar. Bis sie es plötzlich nicht mehr sind.
Politikwissenschaftler Marcel Dirsus erklärt, warum autokratische Systeme instabiler sind, als sie scheinen, und weshalb er trotz aller Krisen an die Zukunft der Demokratie glaubt.

Weltweit stehen Demokratien unter Druck, das Autoritäre scheint auf dem Vormarsch.
Und dann wären da noch all die Tyrannen, die sich trotz vieler Proteste und internationaler Kritik jahrzehntelang an der Macht halten. Männer wie Wladimir Putin in Russland, Aljaksandr Lukaschenka in Belarus oder Baschar al-Assad in Syrien. Wobei Letzterer zeigt: Für Diktatoren kann sich von heute auf morgen alles ändern. Keine Diktatur hält ewig, das zeigt die Geschichte.

Der Politikwissenschaftler Marcel Dirsus hat ein Buch darüber geschrieben, wie Diktatoren ihre Macht sichern – und wie sie am Ende stürzen. Dafür hat er mit Anführern von Revolutionen, mit Rebellen und Soldaten auf der ganzen Welt gesprochen. Dirsus ist überzeugt: Wir müssen Diktatoren besser verstehen, um zu erkennen, wie wir sie entmachten.

Die Person: Marcel Dirsus 

Im Interview spricht er über Trumps autoritäre Ambitionen, die vielversprechendste Umsturztaktik und seine Hoffnung für die Demokratie. 

Marcel Dirsus studierte in Hangzhou, Odessa, Paris und Oxford und ist Non-Resident Fellow am Institut für Sicherheitspolitik der Universität Kiel. Er berät Regierungen und Organisationen wie die NATO oder die OECD und schreibt unter anderem für die Washington Post und The Guardian. Zu seinen Schwerpunkten gehören irreguläre Regierungswechsel, politische Gewalt und deutsche Außenpolitik.


Katharina Wiegmann: Wären Sie lieber Regierungschef in einer Demokratie oder Alleinherrscher in einer Autokratie?

Marcel Dirsus: Weder noch – aber wenn es sein muss, dann lieber Regierungschef in einer Demokratie.

Ist es nicht wesentlich angenehmer, als Diktator zu regieren und allein entscheiden zu können – ganz ohne lästige Kompromisse?

Marcel Dirsus: Das ist ein Fehlschluss. Wir denken oft, dass Tyrannen im Grunde genommen machen können, was sie wollen, dass sie von niemandem abhängig sind. Aber so funktioniert es in der Realität nicht. Jeder Machthaber ist von anderen abhängig. Es kommt nur drauf an, von wie vielen und von wem genau.

Ein demokratischer Regierungschef kann 200.000 Wähler verlieren und trotzdem an der Macht bleiben. Jemand wie Kim Jong-un in Nordkorea braucht dafür vielleicht nur 200 oder 300 Familien. Das heißt aber auch, dass er seine Macht sehr schnell verlieren kann, wenn ihm nur einige wenige Unterstützer abhandenkommen.

Diktatoren verbringen einen Großteil ihres Tages damit, ihr Überleben zu sichern. Was sich im ersten Moment vielleicht komfortabel anhört, kann schnell zu einer Falle werden.

Inwiefern?

Marcel Dirsus: Wenn Diktatoren ihre Macht verlieren, verlieren sie oft auch ihre Freiheit oder sogar ihr Leben. Die Forschung zeigt: Mehr als 2/3 der personalistischen Diktatoren landen früher oder später im Gefängnis, werden ins Exil gezwungen oder getötet.

Anfang Juni hat Trump ohne das Einverständnis des kalifornischen Gouverneurs die Nationalgarde nach Los Angeles geschickt, um sie bei regierungskritischen Protesten zum Einsatz zu bringen. Das hat mich an Strategien autokratischer Machtsicherung erinnert, die Sie in Ihrem Buch beschreiben … Sie auch?

Marcel Dirsus: Vieles von dem, was Trump macht, erinnert mich an das Buch. Das ist ein extrem gefährlicher Moment für die amerikanische Demokratie.

Das Buch: »Wie Diktatoren stürzen«

Alleinherrscher inszenieren sich als starke, unbesiegbare Männer. Aber sie alle scheitern. Diktaturen haben Systemfehler, können nicht auf Dauer funktionieren. In seinem Buch zeigt Marcel Dirsus anhand von Beispielen aus Geschichte und Gegenwart, wer oder was Tyrannen zum Verhängnis wird. »Wie Diktatoren stürzen – und wie Demokraten siegen können« erschien im Februar 2025 bei Kiepenheuer & Witsch.

Wir sind daran gewöhnt, dass die Dinge auf eine bestimmte Art und Weise funktionieren. Aber unabhängige Gerichte und Gesetze sind nicht gottgegeben. Am Ende funktionieren viele dieser Dinge über Gewalt oder die Androhung von Gewalt. Wenn man in der Lage ist, Sicherheitskräfte zu übernehmen, kann man allerlei Unheil anrichten. Und stellen die Sicherheitskräfte einen Mann über die Verfassung, kann das eine Demokratie fast nicht überleben. Trump versucht gerade, seine Macht auszubauen, indem er die Kontrolle über den Sicherheitsapparat ausbaut.

Wladimir Putin wäre ein Teil seines eigenen Sicherheitsapparates fast zum Verhängnis geworden, als sich Jewgeni Prigoschin, der Anführer der Wagner-Gruppe, gegen ihn erhob …

Marcel Dirsus: Diktatoren haben in der Regel mehr Angst vor den eigenen Soldaten als vor den Soldaten anderer Länder.

Das liegt an der Struktur dieser Regime. Der Kreis derer, die man braucht, um an der Macht zu bleiben, ist klein. Die Leute in diesem Kreis haben also auch Macht. Immer wieder werden Tyrannen von ihren eigenen Soldaten abgesetzt. Um das zu verhindern, gibt es in Diktaturen oft nicht nur ein reguläres Militär, sondern auch parallele Strukturen wie Milizen, Söldner oder eine militarisierte Palastgarde.

So sendet man den Generälen des regulären Militärs ein Signal, es besser gar nicht erst mit einem Putsch zu versuchen. Gleichzeitig schwächt eine solche Struktur die militärische Effektivität.

Das zeigt, wie schwer die Zielkonflikte sind, mit denen man sich als Diktator abkämpfen muss. Man kann die Bedrohung hin und her schieben, aber man kann sie nicht auflösen.

Auf welche Art und Weise versuchen Diktatoren noch, ihre Macht zu erhalten – und wie kann man das Wissen darüber gegen sie nutzen?

Marcel Dirsus: In Diktaturen werden selten die kompetentesten Leute befördert. In der Regel geht es darum, wie »loyal« sie gegenüber dem Machthaber sind. Aber auch das führt dazu, dass man militärische Effektivität einbüßt, wie man bei der russischen Vollinvasion der Ukraine gesehen hat.

Es war für viele eine große Überraschung, wie ineffektiv die russischen Sicherheitskräfte waren – und ein Faktor dafür wird auch sein, dass Putin seine Armee nicht in erster Linie dafür gebaut hat, um Krieg zu führen, sondern so, dass sie ihn nicht stürzt.

Welche Methode ist am vielversprechendsten, um einen Diktator zu stürzen?

Marcel Dirsus: Friedliche Massenproteste sind am nachhaltigsten in dem Sinne, dass es danach am wahrscheinlichsten zu einer Demokratisierung kommt.

Unbewaffnete Teenager und Rentner haben eine bessere Chance, eine Diktatur in die Knie zu zwingen, als ein hochgerüsteter Sicherheitsapparat?

Marcel Dirsus: Das funktioniert, indem man den Diktator vor die Wahl zwischen Pest und Cholera stellt. Sind die Leute auf der Straße, muss der Diktator reagieren, denn er kann es sich nicht leisten, schwach auszusehen. Das ganze System basiert auf einer Wahrnehmung von Unausweichlichkeit.

Deshalb reagieren Diktaturen in aller Regel mit Gewalt auf Massenproteste. Wenn es schlecht läuft, gehen am nächsten Tag aber noch mehr Leute auf die Straße. Man macht sich in den seltensten Fällen beliebt, wenn man Rentner und Teenager verprügelt.

Ist eine kritische Masse erreicht, muss ein Diktator im Grunde genommen mit Waffengewalt reagieren, damit wieder Ruhe einkehrt.

Etwa 17% der Diktaturen stürzen als Folge von Volksaufständen

In dieser Situation erscheint das Regime stark, weil es Waffen hat, tatsächlich ist es aber oft so, dass Diktaturen unter dem Gewicht ihrer eigenen Repression kollabieren. Entweder weigern sich Soldaten, Befehle auszuführen, oder das Regime splittert ganz oben. So war es am Ende der DDR.

In Ihrem Buch findet sich zwischen den wissenschaftlichen Abhandlungen ein bemerkenswert persönlicher Satz. Sie schreiben: »Als Deutscher, der von Geburt an in Freiheit gelebt hat, werde ich nicht argumentieren, dass man nie Gewalt anwenden sollte, um Diktatoren zu stürzen.« Warum war es Ihnen wichtig, das zu betonen?

Marcel Dirsus: Ich bin extrem skeptisch, was militärische Interventionen von außen angeht, aber ich glaube, gerade unsere deutsche Historie zeigt, dass man sie nicht grundsätzlich ablehnen sollte.

Woher rührt Ihre Skepsis gegenüber Einmischung von außen?

Marcel Dirsus: Die Erfolgsquote externer Einmischungen ist miserabel. Politiker rechtfertigen eine Intervention im Ausland vor der Kamera damit, dass es ihnen um Demokratisierung geht. In der Realität ist das allerdings nicht oft der Fall oder es ist nicht das primäre Ziel. Und dann passiert es auch nicht.

Aus der Geschichte wissen wir, dass eine Demokratisierung von Ländern wahrscheinlicher ist, die schon einmal eine Demokratie waren und funktionierende Institutionen haben. Gleichzeitig tragen diese Institutionen aber auch zu militärischer Effektivität bei. Das heißt: Man riskiert mit einer Einmischung einen schweren Krieg mit hohen Kosten, hat dafür aber eine relativ große Chance auf Demokratisierung. Ist der Krieg leicht zu gewinnen, ist die Chance auf eine demokratische Entwicklung meist niedriger. Und da ein schwerer Krieg Hunderttausende Verletzte oder Tote bringen kann, sehen Demokratien eher davon ab.

Saddam Hussein im Irak abzusetzen, war verhältnismäßig einfach, aber es war von vornherein sehr unwahrscheinlich, dass aus dem Irak eine funktionierende Demokratie wird. Nazi-Deutschland zu besiegen, war extrem schwer, aber man konnte davon ausgehen, dass sich das Land wieder in eine Demokratie verwandeln könnte.

Ist es für Demokratien sinnvoll, Tyrannen Exiloptionen anzubieten, um eine Schreckensherrschaft zu beenden?

Marcel Dirsus: Auch Demokratien stehen manchmal vor der Wahl zwischen Pest oder Cholera. So ist es bei dieser Frage.

Während des Kalten Krieges war es oft so, dass Diktatoren relativ einfach Zuflucht im Exil bekommen konnten, weil beide Seiten dazu bereit waren, »ihre« Tyrannen zu unterstützen.

Mittlerweile ist das anders, und das führt dazu, dass Diktatoren, die mit dem Rücken zur Wand stehen, das größtmögliche Interesse daran haben, alles zu versuchen, um sich irgendwie an der Macht zu halten. Im Zweifelsfall führt das dazu, dass noch mehr Menschen gefoltert werden oder sterben.

Andererseits wollen wir natürlich nicht dazu beitragen, dass Tyrannen ihren Lebensabend entspannt genießen, sondern sich für ihre Taten verantworten müssen. Hier gibt es leider keine gute Option.

Gibt es für mich als Einzelperson überhaupt etwas, was ich zum Sturz eines Diktators in einem anderen Land beitragen kann?

Marcel Dirsus: Generell hat man mehr Einfluss, je näher man dran ist. Aber es gibt Dinge, die jeder von uns tun kann, um Menschen vor Ort mehr Wirkungsmacht zu verleihen. Man kann Oppositionelle sichtbar machen, unabhängigen Journalismus unterstützen. Es gibt Organisationen, die an Technologien arbeiten, die von Dissidenten genutzt werden können – ohne dass das Regime Zugriff darauf hat.

»Diktatoren werden überhöht.«

Und es gibt noch eine zweite Komponente, über die ich gerade viel nachdenke. Tyrannen sind nicht nur eine Bedrohung im Ausland. Auch unsere Demokratie ist nicht gottgegeben. Ich würde mir wünschen, dass wir mehr über die Stärken unseres eigenen Systems nachdenken – und über die Schwächen von Diktaturen. In den letzten Jahren wurde viel über das Sterben von Demokratien gesprochen, zugleich wurden Diktatoren etwas überhöht.

Wie meinen Sie das?

Marcel Dirsus: Ich glaube, es gibt in Deutschland viele Menschen, die das Gefühl haben, dass hier nichts funktioniert. Dass wir keine Flughäfen bauen können, die Schulen marode sind … Als würde unser Leben anders als für vorherige Generationen nicht einfacher. Wenn man dieses Grundgefühl hat und dann nach Russland oder China blickt, kann der Eindruck entstehen, dass diese Systeme besser sind, weil sich da wenigstens etwas tut.

Dem würden Sie nicht zustimmen?

Marcel Dirsus: Der Schein trügt. Wenn man sich anschaut, wie der durchschnittliche Russe lebt, merkt man sehr schnell, dass diese Systeme weitaus mehr Schwächen haben, als auf den ersten Blick ersichtlich ist.

Wir müssen uns unsere Stärken mehr bewusst machen. Es gibt viele Sachen, die Demokratien gut können – zum Beispiel Regierungsnachfolgen. Wir wählen eine Bundeskanzlerin ab und kurze Zeit später kommt der nächste Kanzler.

Sollte das nicht funktionieren, haben wir Gerichte, Ämter, die Polizei. Wir können das alles regeln. Und wir haben die Möglichkeit zur Kurskorrektur. Wenn unsere Politiker versagen, können wir sie loswerden, indem wir sie abwählen.

Bei uns läuft also alles prima?

Marcel Dirsus: Natürlich machen auch demokratische Politiker Fehler, aber wir können damit umgehen. In Diktaturen ist das nahezu unmöglich.

Und es gibt noch einen Faktor: Unsere Politiker müssen uns ab und zu etwas Gutes tun, nicht weil sie zwingend Menschenfreunde sind, sondern weil sie einen großen Teil der Bevölkerung brauchen, um an der Macht zu bleiben. Dann muss es ab und zu ein neues Krankenhaus geben, eine neue Schule. Das macht das Leben in Demokratien viel angenehmer als in alternativen Systemen. Darüber denken viele Leute in Deutschland zu wenig nach.

Unsere Zeit scheint geprägt von einer Bewegung hin zum Autoritären. Schöpfen Sie aus Ihrer Forschung dennoch eine gewisse Hoffnung für die Demokratie?

Marcel Dirsus: Ich bin total hoffnungsvoll! Ich habe mich so intensiv mit den Schwächen von Diktaturen befasst, dass ich optimistischer denn je bin, was die Zukunft der Demokratie angeht.

Unser System funktioniert für die Mehrheit der Bevölkerung besser und es ist auch stabiler. Nicht alle Länder müssen alles gleich machen, aber überall wollen Menschen Einfluss darauf haben, wie sie regiert werden. Menschen wollen frei sein. Und auch wenn die letzten Jahre nicht erfreulich waren, kommt es doch darauf an, in welchen Zeiträumen man denkt. Die Welt ist heute viel demokratischer als vor 200 Jahren.




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