Samstag, 2. Mai 2026

Brownout: Und wieder wird lieber eine Angst geschürt, anstatt die folgerichtigen Anreize zu setzen

Telepolis  hier von Thomas Pany

Brownout durch Solarenergie? Wie stabil das Stromnetz in Deutschland bleibt

Copernicus-Bericht meldet Klima-Negativrekorde und einen Rekordanteil der Solarenergie am europäischen Strommix. Droht deshalb ein Brownout? Eine Einschätzung.

Wer heute bei der Mediensichtung auf den Copernicus-Klimabericht 2025 stieß, etwa bei der Tagesschau, wurde mit den mittlerweile gewohnten düsteren Aussichten konfrontiert – "viele Negativrekorde" bei Temperatur, Hitzewellen, Stürmen und Hochwasser. Europa ist der sich am schnellsten erwärmende Kontinent, so der Bericht.

Doch es gab auch eine positive Meldung: Die erneuerbaren Energien deckten laut Copernicus im vergangenen Jahr gut 46 Prozent des europäischen Strombedarfs. Die Solarenergie erreichte mit 12,5 Prozent sogar einen neuen Rekordanteil.

Wer sich anschließend auf der Seite der Welt weiter über den Zustand derselben informierte, sah sich einem Widerspruch ausgesetzt. Dort warnte nämlich ein Artikel mit dem Titel "Wertloser Solarstrom überflutet das Land – jetzt droht der ‚Brownout'" vor einem Solarstrom-Überschuss im Zusammenhang mit einem "davongaloppierenden Ökostrom-Ausbau".

Sonniger Sonntag, tiefe Preise

Der Artikel der Welt beschreibt einen konkreten Sonntag, nämlich den vergangenen, den 19. April 2026, an dem eine gewaltige Menge Solarstrom ins Netz drängte, aber sonntagsbedingt nur auf geringe Nachfrage traf. Die Netzbetreiber konnten laut der Zeitung den Ökostrom nicht mehr wie sonst weiterverkaufen.

Im Gegenteil: Gegen 14 Uhr zahlten sie jedem Abnehmer einer Megawattstunde 480 Euro als, wie die Zeitung es formuliert, eine "Art Entsorgungsgebühr" aus. Der negative Strompreis in Rekordtiefe war laut Bericht geradezu ein Fest für Besitzer von Elektroautos mit dynamischen Stromtarifen, die in dieser Zeit die Batterie ihres Fahrzeugs nicht nur kostenlos füllen, sondern sogar noch Geld aufs Konto überwiesen bekommen konnten.

Der Solarstrom-Überschuss fällt größer aus als sonst, da allein im vergangenen Jahr die enorme Menge von 17 Gigawatt Solarleistung in Deutschland zugebaut worden war – eine installierte Leistung, die der von 17 Atomkraftwerken entspricht, so Die Welt.

Damit liegt die in Deutschland installierte Solarleistung nun bei rund 120 Gigawatt, obwohl das Stromnetz bislang nur auf eine Spitzenlast von rund 80 Gigawatt ausgelegt war.

Die Kaskade der Gegenmaßnahmen

Die Besonderheit am vergangenen Sonntag war auch, dass den meisten deutschen Nachbarn der Solarstrom ebenfalls zu den Ohren herauskam. Eine europaweite Verteilung der deutschen Überschussproduktion fand nicht statt.

An der Strombörse ist der negative Strompreis im Day-ahead-Markt auf maximal minus 500 Euro pro Megawattstunde begrenzt. Das soll Kosten begrenzen. Unter diesem Wert findet keine "Markträumung" durch den Preis mehr statt. Am Sonntag war mit minus 480 Euro die Grenze fast erreicht.

Laut dem Artikel der Welt stehen den Netzbetreibern mehrere Maßnahmen zur Verfügung, um das Stromnetz stabil zu halten, wenn der Markt keinen Ausgleich von Angebot und Nachfrage mehr leistet: 

  • erstens Einsatz von Regelenergie, 
  • dann Abregelung von Stromerzeugern ("Redispatch 2.0") oder die zwangsweise Abschaltung von Stromanlagen nach Paragraf 13.2 Energiewirtschaftsgesetz und 
  • drittens, als ultima ratio, die kontrollierte Stromabschaltung ganzer Regionen – genannt "Brownout".

Die Lage am Sonntag konnte allein mit dem Einsatz von Regelenergie unter Kontrolle gehalten werden, teilten die Übertragungsnetzbetreiber Tennet und Amprion auf Welt-Nachfrage mit.

Zur nächsten Stufe, Zwangsabschaltungen von Stromerzeugern, kam es nicht. Insofern war der Weg zum drohenden "Brownout" noch weit – allerdings geriet der Negativpreis sehr nah an die Preisgrenze von minus 500 Euro, was weiterreichende Folgen ausgelöst hätte.

Wie ist diese Warnung vor einem Brownout nun einzuordnen?

Die Einschätzung der Netzbetreiber

Der europäische Verband der Übertragungsnetzbetreiber (ENTSO-E) meldete für den Sommer 2025 keine systemischen Angemessenheitsrisiken für den europäischen Stromsektor, trotz wachsender Überproduktionsrisiken durch viel neue Photovoltaik. Das Problem wird als Management- und Flexibilitätsfrage beschrieben, nicht als unmittelbar flächendeckende Ausfallgefahr.

Auch der deutsche Übertragungsnetzbetreiber Amprion bestätigt, dass das Netz 2025 trotz PV-Rekorden und mehr Negativpreisstunden stabil blieb. Als Engpass werden fehlende Flexibilität, langsamer Netzausbau und Mangel an steuerbarer Leistung identifiziert.

Die Bundesnetzagentur liefert Marktdaten: Solarerzeugung in Deutschland stieg 2025 auf 74,1 TWh, zugleich gab es 573 Stunden mit negativen Großhandelspreisen.

Das stützt die These, dass Solarboom und Marktverwerfungen parallel auftreten können, ohne dass daraus automatisch ein Brownout folgt.

Was zu Blackouts führt

Interessant ist auch ein Blick auf einen realen Blackout, der sich am 28. April 2025 auf der Iberischen Halbinsel ereignete. Der Abschlussbericht von ENTSO-E zeigt, dass die Ursache eine komplexe Mischung aus technischen Faktoren war – Oszillationen, Spannungsprobleme, Kaskadeneffekte – und nicht eine simple Überproduktion von Solarstrom.

Die Bundesnetzagentur und das Bundeskartellamt haben die ungewöhnlich hohen Strompreise während der "Dunkelflauten" im November und Dezember 2024 untersucht – Zeiten mit wenig Wind und Sonne.

Die Versorgung war auch in diesen extremen Knappheitssituationen durch Reserven gesichert. Die Behörden sehen aber zusätzlichen Bedarf an steuerbarer Leistung und Flexibilität.

Lösungen für die Energiewende?

Das Fraunhofer ISE entwickelt und testet "netzbildende Wechselrichter", die es Solaranlagen und Speichern ermöglichen, aktiv zur Netzstabilität beizutragen und nicht nur Strom einzuspeisen. Ein wachsender Anteil des Solarstroms wird direkt vor Ort verbraucht und in Heimspeichern zwischengelagert, was die Netze entlastet.

Der Eigenverbrauch von Solarstrom in Deutschland stieg 2024 auf 12,28 TWh, was 17 Prozent der PV-Nettostromerzeugung entspricht.

Allerdings helfen Heimspeicher dem Netz nur dann optimal, wenn ihre Besitzer durch dynamische Stromtarife einen Anreiz haben, bei Stromüberschuss zu laden. Hier besteht noch Nachholbedarf.

Das Fraunhofer ISE erwartet, dass der Eigenverbrauch durch die hohen Strompreise und den Erfolg von Batteriespeichern weiterhin steigen wird. Es lohnt sich für Haushalte, insbesondere wenn sie mit dem Strom auch eine Wärmepumpe betreiben oder ihr E-Auto laden.

Es ist aber auch für die Stabilität des Stromnetzes von Vorteil, weil der Strom dann direkt dort produziert wird, wo er verbraucht wird, ohne je im Stromnetz gewesen zu sein.

Der Alarm und die Probleme

Die Warnung vor einem drohenden Brownout aufgrund von Solarstrom-Überschüssen ist nicht aus der Luft gegriffen, aber sie zeichnet ein zu alarmistisches Bild.

Die offiziellen Einschätzungen der Netzbetreiber und Behörden sehen das Netz als stabil an und keine unmittelbare, systemische Gefahr. Das Problem ist vielmehr ein Mangel an Flexibilität, langsamer Netzausbau und fehlende steuerbare Leistung.

Technologische Innovationen wie netzbildende Wechselrichter, mehr Eigenverbrauch und der Ausbau von Speichern können dazu beitragen, die Herausforderungen zu bewältigen.

Entscheidend wäre, dass die Politik die richtigen Anreize setzt, damit Heimspeicher und andere Flexibilitätsoptionen auch netzdienlich genutzt werden.

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