Dienstag, 23. November 2021

Baustoff, den kaum jemand haben will

Schwäbische Zeitung von Philipp Richter

Die Forderung nach Recycling-Material ist groß, doch es fehlt an der Akzeptanz

...Seit 1991 recycelt man bei „Meichle und Mohr“ Bauschutt, seit 2004 auch am Standort in Grenis - pro Jahr werde dort etwa 20 000 bis 25 000 Tonnen Bauschutt aufbereitet. Bei der Annahme kontrolliert, von Metallen befreit, später gebrochen - bereit, um in neuen Bauwerken weiterzuleben.

Doch recycelt werden kann nur das, was auch abgebrochen wird. Und genau darin liegt ein zentrales Problem bei der Forderung nach mehr Recycling. Die Baubranche boomt - vor allem in Oberschwaben, wo es in nahezu jeder Gemeinde Bauprojekte gibt: Wohn- und Baugebiete oder auch der Neubau von Kindergärten und Schulen. All das braucht Kies. „Wer mehr Recycling will, der muss mehr abreißen, aber das Gegenteil ist derzeit der Fall“, erklärt Mohr.

Laut einer Broschüre des Industrieverbands Steine-Erden, die sich unter anderem auf Zahlen des Statistischen Landesamtes beruft, liegt der Rohstoffbedarf in Baden-Württemberg bei circa 100 Millionen Tonnen pro Jahr. Gleichzeitig fallen pro Jahr 11,5 Millionen Tonnen Bauschutt an, von denen sich 9,9 Millionen Tonnen recycelt wieder einbauen lassen.

In Grenis produziert Mohr aus dem Bauschutt, der auf seinem Gelände lagert, sogenanntes Z-1.1-Material. Die Klassifizierung Z 1.1 bedeutet, dass das recycelte Material in der Klasse der Primärrohstoffe rangiert. Heißt: Alle Grenzwerte sind eingehalten, so dass das Material laut Qualitätssicherungssystem Recycling-Baustoffe Baden-Württemberg (QRB) ohne Probleme bis zu einem Abstand vom einem Meter zum Grundwasser eingebaut werden darf - zum Beispiel auf Feldwegen oder auch beim Straßenbau.

Aber warum tut sich Mohr dann mit dem Absatz davon schwer? Dafür gebe es mehrere Gründe. „Es fehlt schlicht an der Akzeptanz. So mancher Ingenieur sagt, das sei Abfall und dann kommt der Primärrohstoff zum Einsatz“, sagt Mohr. Und dann sei da noch die öffentliche Hand, die sich mit Recycling auch schwertue.


Hier kann man Bad Saulgau als positives Beispiel erwähnen:

Mit Recycling-​Baustoffen gegen den Kiesflächen-​Fraß  (hier)

Sowohl der Gemeinderat der Stadt Bad Saulgau wie auch die Verbandsversammlung Wasserversorgung Hundsrücken haben in diesem Frühjahr eine wichtige Grundsatzentscheidung gefällt. Zukünftig soll die Lieferung von Baustoffgemischen, Gesteinskörnungen und Böden für Baumaßnahmen produktneutral ausgeschrieben werden müssen. Stadt und Wasserversorger wollen künftig verstärkt aus Bauschutt recycelte Baustoffe bei Baumaßnahmen einsetzen. Damit wollen Stadt und Wasserversorger ein Zeichen für rohstoffschonendes Bauen setzen. Ein Bild über die Möglichkeiten machte sich eine Gruppe aus Bad Saulgau beim Besuch der Firma Feess in Kirchheim unter Teck.

Eine Gruppe aus Bad Saulgau besuchte das K3-Kompetenzzentrum für Kreislaufwirtschaft der Firma Heinrich Feess GmbH & Co.KG in Kirchheim unter Teck. „Mit dem konwequenten Rückbau, der Herstellung von Recycling-Baustoffen und der Wiederverwendung solcher Baustoffe könnte auf die Ausweisung von manchen Fläche für den Kiesabbau verzichtet werden“, macht Johannes Übelhör nach dem Besuch der Anlage deutlich. Selbst mitgereiste Bauunternehmen seien von der Qualität der in Kirchheim gewonnen Baustoffe überrascht gewesen, so Übelhör im Gespräch mit der „Schwäbischen Zeitung“. Zur Gruppe gehörten neben Bürgermeisterin Doris Schröter auch in Ihrer Funktion als Verbandsvorsitzende des Zweckverband Hundsrücken, Bürgermeister Currle aus Guggenhausen und Unterwaldhausen, Vertreter des Stadtrates, der Stadtverwaltung, Ingenieurbüros und Bauunternehmen

Bei künftigen Vergaben für Baumaßnahmen sollen reycelte Baustoffe den Vorzug gegeben werden. Voraussetzung ist, dass die Stoffe nach einem Qualtitätssicherungssystem mit Güteüberwachung hergestellt sind und das Lieferwerk einer staatlich zugelassenen Gütegemeinschaft angehört. Dies unter der Bedingung, dass diese für den vorgesehenen Verwendungszweck geeignet sind, die technischen Lieferbedingungen und die vergaberechtlichen Bedingungen erfüllen und dadurch die Wirtschaftlichkeit gewährleistet bleibt.

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