Montag, 25. Juli 2022

Verzichten müssen wir erst lernen

Auch bei Hr. Lutz möchte ich mich bedanken für diesen offenen Artikel und noch einen Gedanken hinzufügen: Mag sein, dass wir unseren Wohlstand einschränken müssen - ob das aber wirklich unsere Lebensqualität mindern wird? Wir alle leiden unter vielen Aspekten unseres Wohlstandes - dem Lärm, der Verschmutzung unserer Meere, der Luftverschmutzung..... möglicherweise werden wir vielen Dingen gar nicht hinterhertrauern.

15.07.2022  |  VON STEFAN LUTZ  hier im Südkurier

KRISENBEWÄLTIGUNG 

Wir haben es gehört und wir haben es mehrfach gehört. Aber so richtig durchgedrungen ist die Botschaft noch nicht: Dass wir vor schweren Zeiten stehen und vor Monaten oder gar Jahren voller Verzicht und strapazierter Opferbereitschaft. Manche Bürger hoffen noch, dass der ganz große Kelch der Zumutungen an ihnen vorübergehen könnte. 

Okay, ein Stück Butter kostet 3,49 Euro, und der Sprit ist auch teuer, das ist ärgerlich genug. Aber sooo schlimm wird es künftig schon nicht werden, hört man immer wieder. Der Optimismus speist sich aus den Erfahrungen der Menschen in diesem Land. Jahrzehntelang ging es für Generationen nur nach oben. Wer jünger als 70 Jahre alt ist, kennt Knappheit überwiegend aus Geschichtsbüchern. Wohlstand und die Verfügbarkeit von allem sind für die Menschen zu einer Selbstverständlichkeit geworden. Dass dies nun zur Verhandlung stehen soll – undenkbar. Doch genau darum geht es.

Ist das Alarmismus? Vielleicht, wenn man die Dimension der Probleme verharmlosen möchte. Aber nur der Blick auf die gewiss unvollständige Liste der aktuellen Krisen zeigt die Monstrosität der Herausforderung: Krieg in der Ukraine, Inflation, Hungerkrise in Afrika, Gasknappheit, Spannungen in der EU, durchbrochene Lieferketten, Personalmangel im Gesundheitswesen – und natürlich die Klimakrise. Und das soll spurlos an unserer Gesellschaft vorbeigehen? Das kann gar nicht sein, weil diese Krisen miteinander verbunden sind und sich wechselseitig bedingen.

Nicht nur Vizekanzler Robert Habeck und Philosoph Richard David Precht sorgen sich deshalb um den Zusammenhalt unserer Gesellschaft und sagen, dass die Ansprüche an Solidarität und Gemeinschaftssinn die harten Zeiten der Corona-Pandemie um ein Vielfaches übersteigen werden. Jetzt sind aus den Jahren 2020 und 2021 vor allem die Aluhüte und Montagsdemonstrationen in Erinnerung, also Spannungen ohne Ende. In Wahrheit aber hat sich der überragende Großteil der Bürgerinnen und Bürger sehr einsichtig gezeigt, schnell verändert und Rücksicht auf Mitmenschen genommen. Verzicht war ein Akt des Anstands. Wer hätte 2019 zudem geglaubt, dass wir alle wie selbstverständlich Masken tragen würden? Die Pandemie hat sichtbar gemacht, dass unsere Gesellschaft überraschend anpassungsfähig ist und bei Veränderungen mitgeht, wenn die Maßnahmen gut erklärt sind. Politische Kommunikation ist in schweren Momenten also alles.

Dabei hat Politik die Aufgabe, in größter Verunsicherung Sicherheit auszustrahlen. Sie muss in übertragenem Sinne Therapievorschläge entwickeln, ohne die Diagnose zu kennen und ohne Kenntnis davon zu haben, welches Medikament richtig hilft. Was bleibt, ist das Einstimmen auf Verzicht und Mäßigung, der Hinweis auf Wohlstandsverluste, wie es Ministerpräsident Winfried Kretschmann formulierte. Vielleicht muss man die pompöse Hochzeit von Finanzminister Christian Lindner auch so verstehen: Es noch einmal richtig krachen lassen, bevor aus dem Zapfhahn nur noch Mineralwasser kommt. In Tat und Wahrheit passen Wasser predigen und Wein trinken hier nicht so richtig zusammen, und die Glaubwürdigkeit eines Bundesfinanzministers, der sich so verhält, leidet. Wenn politische Kommunikation in schweren Momenten also alles ist, war das nichts. Oder präziser: Es war ein kommunikativer Albtraum.

Glaubwürdigkeit ist ein Schlüssel

Wer Menschen überzeugen will, muss glaubwürdig darin sein, die Menschen verstanden zu haben. Kretschmann strahlt das aus, Habeck auch – und Lindner, na ja. Wer hat schon Freunde mit eigener Propellermaschine und braucht zum Schutz der Party Polizeieinheiten? Und genau dieser Finanzminister soll uns demnächst mit erklären, wer bei einem möglichen Gasmangel noch versorgt wird und wer nicht? Fachlich könnte er das – aber ob das glaubwürdig wirken wird?

Fakt ist: In unserem Land steht nicht weniger auf dem Spiel als unser Wohlstand. Der neoliberale Kapitalismus, der nach den Krisen der 70er-Jahre den Turbo eingelegt hat, kennt nur eine Richtung: nach oben. Mehr Konsum, mehr Umsatz, mehr Reichtum. Allen ging es von Jahrzehnt zu Jahrzehnt besser, die Gestrauchelten wurden vom vermögenden Sozialstaat aufgefangen. Was ist, wenn mehr Konsum und mehr Umsatz dauerhaft ausfallen? Dann steht diese Wirtschaftsordnung auf dem Spiel, mit möglichen Gasrationierungen ginge es los.

Der Philosoph Richard David Precht schloss seine Gedanken zum Verzicht auf die Gasheizung in einem Podcast ironisch: „Ich friere nicht so schnell. Und wenn – die Restwärme des Ärgers über eine Fußballweltmeisterschaft im Winter in Katar reicht. Das wird mich wärmen.“ So weit sind wir schon.

stefan.lutz@suedkurier.de 

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