Donnerstag, 14. Oktober 2021

„Man muss mehr Chaos zulassen“

Südkurier hier

(vor Kurzem war Hr. Settele ein Artikel im Spektrum der Wissenschaft gewidmet hier)

Herr Settele, 2010 wurde in Japan eine Konvention verabschiedet, wonach das Artensterben bis 2020 beendet sein sollte. Dennoch sind eine Million Tier- und Pflanzenarten vom Aussterben bedroht. Also außer Spesen nix gewesen?

Das kann man so nicht sagen. Es sind seitdem viele Schutzgebiete ausgewiesen worden, aber eben nur ausgewiesen und nicht angemessen bewirtschaftet. Es ist zwar richtig, dass eine Million Arten bedroht sind, allerdings nur, wenn wir so weitermachen wie bisher und nicht gegensteuern. Ob wir den Artenschwund wirklich stoppen können, ist nicht sicher, aber wir können den Trend umkehren. ...

Nun gehen aber die Arten auf der ganzen Welt zurück. Läuft der Prozess überall gleich ab?

Keineswegs. Wir müssen auf die Hotspots der Artenvielfalt schauen, die in tropischen Regionen liegen: Afrika, Lateinamerika und Südostasien mit Inselstaaten wie Indonesien, wo ganz eigene, nur dort lebende Arten entstanden sind. Da könnte man sagen: Na ja, wenn da irgendeine Leguan-Art auf einer Insel verschwindet – was geht uns das an? Aber wir in Europa sind an diesem Prozess beteiligt.

Inwiefern?

Durch den globalen Handel! Es geht um die Frage: Welche Produkte importieren wir, und welche Flächen werden dafür in den Exportländern erzeugt? Beispiele: Fleisch und Soja aus Brasilien, Palmöl von den Philippinen. Wir nutzen indirekt diese Gebiete, in denen die Arten aussterben, weil die Plantagen ihnen den Lebensraum nehmen. Hier ist eine globale Lösung die einzige Chance. Das kann man nicht nur lokal angehen.....

Manche Experten sagen, der Verlust an Arten sei für die Menschheit bedrohlicher als der Klimawandel. Würden Sie das unterschreiben?

Klimawandel und Artensterben gehören zusammen, das kann man nicht trennen, man muss es gemeinsam denken. Die Frage ist: Wie bekommen wir diese beiden Hauptkrisen gemeinsam in den Griff? Das muss man schnell umsetzen, zumal man eine Trendwende bei der Biodiversität relativ schnell erreichen kann – etwa bei den Insekten.


Fragen: Alexander Michel

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