hier Süddeutsche Zeitung 25. März 2025 Interview von Michael Bauchmüller und Thomas Hummel
„Die USA ziehen sich zurück, aber der Trend zum Klimaschutz hält an“
Das Verhalten der US-Regierung mache manche wütend, sagt EU-Klimakommissar Wopke Hoekstra, auch Chinas Politik sei ein Problem. Europa indes wolle beim Klimaschutz nun mehr auf die Sorgen der Menschen eingehen.
Der Petersberger Klimadialog ist eine wichtige Etappe auf dem Weg zur 30. Weltklimakonferenz in Brasilien. An diesem Dienstag und Mittwoch treffen in Berlin Diplomaten und Minister aus aller Welt zusammen – zum ersten Mal, seit sich die USA aus dem Pariser Klimaabkommen zurückgezogen haben. Mit dabei der niederländische EU-Klimakommissar Wopke Hoekstra, 49, für den Klimapolitik ein Teamsport ist.
SZ: Herr Hoekstra, wie geht es der internationalen Klimadiplomatie nach der Entscheidung der USA, aus dem Pariser Klimaabkommen auszusteigen?
Wopke Hoekstra: Ich möchte nicht verhehlen, dass dieser Schritt der USA wirklich unglücklich ist. Das heißt, dass die größte geopolitische Macht, die größte Wirtschaftsmacht und der zweitgrößte Treibhausgasemittent der Welt faktisch sagt: Nein danke. Das ist ein Problem für alle anderen. Aber das zeigt nur, dass solche Treffen wie in Berlin immer wichtiger werden. Die Klimadiplomatie ist so wichtig wie zuvor. Im Übrigen: Sosehr ich bedaure, dass die USA aussteigen – es gibt eine Realität jenseits davon. Viele US-Bundesstaaten halten am Klimaschutz fest, die Investitionen in klimafreundliche Technologien steigen weiter. Es ist ein bisschen schizophren: Die USA ziehen sich zurück, aber der Trend zum Klimaschutz hält an.
Werden andere Staaten dem Beispiel der USA folgen? Bei der Klimakonferenz in Baku etwa hatte Argentinien seine Delegation zurückgezogen.
Das ist unwahrscheinlich, aber nicht ausgeschlossen. Mein Eindruck ist: Die große, große Mehrzahl der Regierungen und sicherlich der Experten in Ministerien überall auf der Welt sind sich der Tatsache bewusst, dass es den Klimawandel gibt, dass er menschengemacht ist und zerstörerische Folgen haben wird. Diese Realität verschwindet nicht, nur weil einige den Kopf in den Sand stecken und die Tatsachen ignorieren. Man kann das probieren, aber danach ist die Realität immer noch da. Das Problem ist: Man kann sich rausziehen, ohne dass einen die Effekte des Klimawandels viel härter treffen als andere. Klimaschutz ist und bleibt ein Teamsport.
Was heißt das für den Rest des Teams? Wie verändert das die Rolle der EU?
Wir arbeiten schon länger daran, die Klimadiplomatie breiter aufzustellen. Wir haben etwa die Zusammenarbeit mit unseren Freunden in Lateinamerika ausgebaut. Mit Brasilien zum Beispiel, einem entscheidenden Akteur auf der internationalen Bühne …
Vor seinem Job in der EU-Kommission war Wopke Hoekstra niederländischer Finanz- und Außenminister. Zuvor war unter anderem beim Öl- und Gaskonzern Shell angestellt.
… und Gastgeber der nächsten Klimakonferenz.
Ja, und auch die diplomatische Stärke Brasiliens ist bemerkenswert. Unabhängig davon vertiefen wir die Zusammenarbeit mit Entwicklungsländern und kleinen Inselstaaten. Wir müssen sicherstellen, dass die Mehrheit jener Länder, die den Klimawandel ernst nehmen, zusammenhält.
In Europa wiederum verabschieden sich gerade Unternehmen wie BP oder manche Autohersteller von ihren Klimaplänen, und die EU selbst hat Probleme, ein schärferes Klimaziel für 2040 zu verabschieden. Ist da eine Rolle rückwärts im Gange?
Es kommt darauf an, wo man hinschaut. Die Realität an sich hat sich nicht geändert.
Man muss sich nur die zerstörerische Kraft des Klimawandels anschauen. Die Fluten in Valencia sind nur das jüngste Beispiel. Alle Daten zeigen: Die Häufigkeit nimmt zu, die Intensität wächst, die Schäden werden schlimmer. Und wenn einen das alles nicht überzeugt, dann vielleicht der Umstand, dass das alles sehr, sehr teuer wird.
Und was ist mit dem Klimaziel für 2040? Da hatte die EU-Kommission minus 90 Prozent Treibhausgase vorgeschlagen – viel gehört hat man dann nicht mehr.
Wir planen, auf Kurs zu bleiben. Und ich erwarte, dass wir da in der nahen Zukunft Schritte präsentieren können.
Trotzdem wirkt es, als sei der EU mittlerweile die Wettbewerbsfähigkeit ihrer Wirtschaft wichtiger als der Green Deal.
Das Gegenteil ist der Fall. Unser Ziel ist es ja gerade, die Dekarbonisierung fortzusetzen. Es ist eher so, dass wir das weniger eindimensional angehen als in der Vergangenheit. Wir wollen, dass die Unternehmen dabei wettbewerbsfähig werden und wir weniger abhängig von anderen sind. So ein ganzheitlicher Ansatz bringt Wirtschaft und Klimaschutz zusammen und ist weitaus überzeugender.
Es gibt hier gute und schlechte Nachrichten. Positiv ist, dass wir es in der EU und andernorts schaffen, Wirtschaftswachstum zu erzielen und gleichzeitig die Treibhausgasemissionen deutlich zu reduzieren. Aber wir sind weltweit sehr spät dran. Die Zeit drängt. Hätten wir den Kampf gegen die Erderwärmung 20 oder 30 Jahre früher aufgenommen, hätten wir den Luxus eines viel langsameren Übergangs gehabt. Und speziell China ist natürlich ein Problem. Die Elektrifizierung im Land geht zwar voran. Aber es ist immer noch für etwa 30 Prozent aller Treibhausgase verantwortlich und plant, eine Reihe neuer Kohlekraftwerke zu bauen. Da wäre mehr politische Führung nötig.
Wie lässt sich wieder mehr Zug in die globale Klimapolitik bringen?
Psychologisch hat der Ausstieg der USA aus dem Klimaprozess mehrere Folgen: Es macht viele unzufrieden, manche auch wütend. Wir sprechen hier schließlich über den weltweit zweitgrößten Emittenten, dessen Vorgehen alle anderen mit ausbaden müssen. Ich erlebe aber andererseits die Haltung: Jammern hilft nicht, denn es löst kein Problem. So sehe ich es auch. Es ist besser, weiterzumachen und zusammenzuarbeiten. Zum Beispiel im Bereich der CO₂-Bepreisung, die sich in der EU als sehr effektiv erwiesen hat. Brasilien und Chile haben sich auf den Weg gemacht, Kalifornien, Quebec, auch China und andere Länder in Asien oder Afrika. Wir müssen mit der Realität in den USA umgehen und nun proaktiv vorangehen.
Moment, noch ist der Erfolg des CO₂-Preises in Europa nicht garantiert. Bald könnte ein neues Preissystem auch Heizen und Tanken für die Europäer verteuern. Kann die EU das durchhalten, wenn es zu Widerständen führt?
Wir werden hier weiterhin klug vorgehen müssen. Es bringt nichts, theoretisch großartige Pläne zu haben, die in der Praxis nicht funktionieren. Und deshalb wird es auch Vorbedingungen in dem neuen Preissystem geben, damit es buchstäblich straßentauglich wird. Der klimaneutrale Übergang wird nur funktionieren, wenn wir unsere wirtschaftliche Wettbewerbsfähigkeit erhöhen, und er für unsere Bürger fair, gerecht und umsetzbar ist. Das gilt vor allem für das Rückgrat unserer Gesellschaften, die Mittelschicht.
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