Dienstag, 25. März 2025

Atomkraft muss warten

 


Atomkraft muss warten /TAZ
Artikel unten




hier Euronews  Von Alessio Dell'Anna & Mert Can Yilmaz   20/03/2025 

Kernenergie: Wie viel mehr muss die EU bis 2050 investieren?

Die Kernenergie bleibt eine der wichtigsten Energiequellen in der EU. Auf sie entfallen 22,8 % der gesamten Stromerzeugung in der EU. 



Nach den Abschaltungen in Deutschland gibt es nur noch 12 Kernenergieerzeuger in der EU.

Frankreich ist mit seinen 57 Reaktoren und 338 GWh pro Stunde der größte Anbieter und erzeugt 55 Prozent der EU-Stromerzeugung. Spanien folgt mit über 9 Prozent, gefolgt von Schweden mit fast 8 Prozent.

Die Investitionen in die Kernenergie nehmen jedoch nicht zu.

Der Weltnuklearverband (WNA) hat kürzlich davor gewarnt , dass es in Zukunft nicht genug Reaktoren geben wird, um die gleiche Menge Strom zu erzeugen wie die, die abgeschaltet wird.

Das könnte die langfristige Energiesicherheitsstrategie der EU gefährden, meint die Organisation.

Wie sind die Investitionen in europäische Reaktoren im Vergleich zu denen Russlands?

Derzeit sind in der EU nur zwei neue Reaktoren im Bau - einer in Frankreich und einer in der Slowakei.

In der gesamten Union sind lediglich 12 weitere geplant.

Das ist weniger als Russland allein, das 14 neue Reaktoren in der Pipeline hat - von denen sechs bereits im Bau sind.

Um ihren Energiebedarf zu sichern, muss die EU laut WNA bis 2050 mindestens 350 Milliarden Euro in neue Reaktoren investieren, und zwar im Rahmen eines umfassenden Investitionsplans von bis zu 755 Milliarden Euro, der auch die Stilllegung und die Abfallentsorgung umfasst.

Wird Polen zu einem der führenden Kernenergieländer in Europa?

Die EU-Investitionen in die Kernenergie werden sich in den kommenden Jahren voraussichtlich auf Mittel- und Osteuropa konzentrieren, mit zwei neuen Reaktoren in Bulgarien, einem in der Tschechischen Republik, zwei in Ungarn, drei in Polen, zwei in Rumänien und zwei in Schweden.

Polen scheint am ehesten gewillt zu sein, die Atomproduktion hochzufahren: 26 neue Reaktoren sollen in Pątnów, Dąbrowa Górnicza, Nowa Huta, Ostrołęka, Stawy Monowskie, Tarnobrzeg und Włocławek entstehen. (siehe dazu Artikel unten)

In den nächsten 15 Jahren dürften jedoch "weitere neue Anlagen ans Netz gehen", so die WNA.

Derzeit ist Frankreich das EU-Land, das am stärksten auf die Kernenergie angewiesen ist, die 65 Prozent der gesamten Stromerzeugung deckt, gefolgt von der Slowakei mit 62 Prozent.

Dagegen stammen nur 1,4 Prozent des in Deutschland und 3,3 Prozent des in den Niederlanden erzeugten Stroms aus Kernkraftwerken.



hier  Artikel von Amy Walker 21.3.25

Doch kein deutscher Sonderweg: Dieses EU-Land will auch die Atomkraftwerke abschalten

Betreiber warnen vor „deutschem Fehler“
Doch kein deutscher Sonderweg: Dieses EU-Land will auch die Atomkraftwerke abschalten
Spanien plant den Atomausstieg bis 2035. Betreiber warnen vor steigenden Strompreisen. Die Regierung hält an ihrem Kurs fest.

Seit April 2023 betreibt Deutschland keine Atomkraftwerke mehr. Die Abschaltung der letzten AKWs im Land war hochumstritten. Im Wahlkampf hatte Friedrich Merz (CDU) noch dafür geworben, die Wiederinbetriebnahme der Kraftwerke erneut zu prüfen. Die Betreiber der Atomkraftwerke lehnen diesen Vorschlag jedoch ab.

Im Ausland wird der deutsche Weg genau beobachtet. Die meisten EU-Nachbarstaaten verfolgen eine andere Strategie und investieren verstärkt in Atomkraft, um ihre Klimaziele zu erreichen.
In Spanien hingegen bleibt die Regierung bei ihrem Plan, die Atomkraft abzuschaffen.

Laut dem Welt-Atomverband sind in Spanien noch drei von sieben Reaktoren in Betrieb, die zusammen etwa 20 Prozent des spanischen Strombedarfs decken. Bis 2035 sollen alle Atomkraftwerke im Land stillgelegt werden, wobei das nächste AKW bereits 2027 vom Netz gehen soll. Stattdessen soll der Strom aus Wind- und Solarenergie gewonnen werden, die grundsätzlich kostengünstiger als Atomstrom produziert werden können. Doch es gibt Widerstand gegen die Pläne der spanischen Regierung, insbesondere mit Verweis auf Deutschland.

Ignacio Galán, der Vorsitzende des spanischen Betreibers Iberdrola, warnte vor der Begehung eines „großen deutschen Fehlers“. Er erklärte gegenüber der Financial Times, dass die Abschaltung der Atomkraftwerke die spanischen Strompreise um 25 Prozent erhöhen würde. „Die Spanier werden dafür bezahlen. Wenn die Atomkraftwerke schließen, dann kommen manche Analysten zu dem Ergebnis, dass die Großhandelspreise um die 25 bis 30 Prozent ansteigen werden.“

Iberdrola warnt zudem vor möglichen Netzinstabilitäten und Blackouts, falls die Atomkraftwerke abgeschaltet werden. Die spanische Regierung bleibt jedoch bei ihrem Kurs und plant, bis 2030 über 80 Prozent des Strombedarfs durch Solar- und Windenergie zu decken.

Der deutsche Atomausstieg hat die Strompreise kaum beeinflusst
Laut einer Analyse des Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung in Halle (IWH) hätten die Atomkraftwerke im Jahr 2024 die Strompreise um etwa zwei Prozent gesenkt, wenn sie weiter in Betrieb geblieben wären. Im Jahr 2023 wären die Preise um vier Prozent niedriger gewesen, so die Untersuchung von Christoph Schult.

Er geht zudem davon aus, dass die Investitionen in erneuerbare Energien deutlich geringer ausgefallen wären, wenn die AKWs weiter betrieben worden wären. Allerdings hätte Deutschland seiner Meinung nach dann auch schon heute eine „vollständig dekarbonisierte“ Stromerzeugung haben können – vorausgesetzt, die Erneuerbaren wären genauso ausgebaut worden wie aktuell.

Die Bundesnetzagentur sieht keinen wesentlichen Einfluss des Atomausstiegs auf die Strompreise. Allerdings führte er dazu, dass die Kohlekraftwerke länger am Netz bleiben mussten. Die Ampel-Regierung hatte geplant, den Kohleausstieg auf 2030 vorzuziehen, was jedoch den Bau neuer, wasserstofffähiger Gaskraftwerke erfordert hätte. Die Kraftwerksstrategie von Robert Habeck (Grüne) wurde bis zum Ende der Ampel nicht mehr verabschiedet. Die neue Regierung plant, diese Strategie fortzusetzen, wobei der Kohleausstieg ab 2038 weiterhin als Ziel bestehen bleibt.


TAZ hier 18.3.2025  Von Gabriele Lesser

Atomkraft muss warten

Polen plant gigantische Investitionen in den Energiesektor
Aufgeschoben oder aufgehoben? Vor Investitionen in den Neubau von AKWs steckt Warschau Milliardensummen in neue Stromleitungen und Stromspeicher.

Gigantische Windräder drehen sich langsam im Wind, der Himmel ist hellblau, das Meer ein bisschen dunkler – so werben polnische Stromfirmen auf den großen Bildschirmen in der Warschauer Metro für saubere Energie. Auch wenn Staatspräsident Andrzej Duda noch 2018 auf dem Klimagipfel im oberschlesischen Kattowitz behauptete: „Wir haben Kohle für die nächsten 200 Jahre“, sind inzwischen selbst die meisten Kohlekumpel in Polen davon überzeugt, dass die Zeit des „schwarzen Goldes“ vorbei ist. Die Mitte-links-Koalition von Donald Tusk, die seit Ende 2023 die Regierung stellt, will die Modernisierung des polnischen Energiemarktes mit 500 Milliarden Złoty (etwa 120 Milliarden Euro) fördern.

Möglich wird diese Großinvestition in die Energieinfrastruktur dank der EU, die nach dem Regierungswechsel die zuvor gesperrten Mittel aus dem Corona-Wiederaufbaufonds für Polen freigab. Die Nationalpopulisten der Partei „Recht und Gerechtigkeit“ (PiS), die zuvor acht Jahre lang das Land regierten, hatten das polnische Rechtssystem zu ihren Gunsten umgebaut. Immer wieder bezeichneten sie das EU-Recht als „verfassungswidrig“, häufig ignorierten sie Urteile des Europäischen Gerichtshofs. Schließlich ging Brüssel die Geduld aus und die EU drehte Polen den bislang breit fließenden Geldstrom ab. Die neue Regierung in Warschau versucht, in Polen wieder eine freiheitlich-liberale Demokratie zu etablieren, wird aber meist durch Präsident Duda ausgebremst, der sich als Sachwalter der PiS-Parteiinteressen versteht. Im Mai sind Präsidentschaftswahlen in Polen, zu denen Duda nicht mehr antreten kann.

Tusk hat allerdings von der PiS-Regierung einige Investitionen geerbt, die nur schwer rückabgewickelt werden können. Dazu gehört neben dem Großflughafen zwischen Warschau und Łódź auch der Einstieg in die Atomenergie. Bereits Polens Kommunisten sahen in der Atomenergie die künftige Energieversorgung Polens. Nach der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl 1986 protestierten die Polen jedoch dermaßen vehement gegen das bereits im Bau befindliche Atomkraftwerk, dass die erste nichtkommunistische Regierung 1989 unter Tadeusz Mazowiecki das Projekt in Żarnowiec stoppte.

Aktuell laufen die Vorbereitungen für den Bau des ersten großen Atomkraftwerks in Polen in der Gemeinde Choczewo bei Danzig an der Ostseeküste. Vor wenigen Tagen bekam der Investor „Polnischer Kernreaktor“ (PEJ) die Zusage für staatliche Fördergelder in Höhe von umgerechnet 14,5 Milliarden Euro. Das aber ist nur ein knappes Drittel der benötigten Investitionssumme in Höhe von geschätzten 47 Milliarden Euro. Wo der Rest des Geldes herkommen soll, ist noch nicht geklärt. Das amerikanisch-kanadische Konsortium Westinghouse, das den Reaktor AP1000 stellen und zusammen mit der amerikanischen Firma Bechtel bauen soll, hatte nie ein rechtes Interesse an dem Projekt. Erwogen wird jetzt, dass der Staat weitere Milliarden investiert und der Rest über Bankkredite auf dem freien Markt zusammenkommen soll – abgesichert durch Staatsgarantien.

Tusk tat das, was alle Regierungen vor ihm auch taten
Eine solche Großinvestition benötigt die Zustimmung der EU, doch der gefällt gar nicht, dass mit dem Bau des ersten Atomreaktors in Polen zugleich ein staatliches Energiemonopol entstehen soll. Der Staat könnte nach Belieben an der Preisschraube drehen und damit den ganzen europäischen Energiemarkt in Turbulenzen bringen. Wahrscheinlich kam Tusk das „Ungenügend“ aus Brüssel allerdings gar nicht so ungelegen. Jedenfalls tat er das, was alle Regierungen vor ihm seit nunmehr 30 Jahren auch taten: Er verschob die Realisierung des Projekts „polnischer Atomreaktor“ in die Zukunft.

Baubeginn soll nicht mehr 2026 sein, sondern erst 2028, und ans Netz gehen soll der Reaktor erst 2036. Solange werde der Staat aber nicht untätig sein, versprach Tusk. Vielmehr würde das Industrieministerium in der Zwischenzeit einen Standort für das geplante Atomkraftwerk 2 – in Bełchatów in der Nähe von Łódź, und Atomkraftwerk 3 – in Konin rund hundert Kilometer südöstlich von Posen, suchen.

Vielleicht macht der private Ausbau der Photovoltaikanlagen zusammen mit den geplanten Offshore-Windparks den teuren Bau von Atomkraftwerken bis dahin überflüssig. Offen gibt das kein Regierungspolitiker zu, aber in einigen Jahren wird klarer sein, wie teuer der Atomstrom im Vergleich zum grünen Strom aus Wind und Sonne sein wird.

Vorrang hat jetzt erst einmal der Ausbau der verschiedenen Stromtrassen, die ja auch für die gigantischen Offshore-Windparks in der Ostsee gebraucht werden. Zudem holen sich immer mehr private Stromanbieter, die auf Photovoltaik gesetzt haben, eine Abfuhr bei den großen Energieunternehmen. Sie können ihren Strom nicht ins allgemeine Netz einspeisen, weil – so die häufigste Begründung – die Netzkapazität nicht ausreicht. Diese Interessen aber müssen in Zukunft auch berücksichtigt werden. Der Plan für die geplanten oberirdischen Stromleitungen und die unterirdischen Stromkabel durch ganz Polen ist bereits fertig und genehmigt.

Eine weitere Großinvestition, über die aber in Polens Öffentlichkeit nur wenig gesprochen wird, betrifft moderne Stromspeicher, die die Schwankungen ausgleichen sollen, die durch „Dunkelflauten“ entstehen. Sie springen also dann an, wenn die Turbinen sich mangels Wind nicht drehen und auch die Photovoltaikanlagen mangels Sonne keinen Strom produzieren. Vorreiter ist hier Orlen, Polens größtes Energieunternehmen, das in den nächsten Jahren vollständig aus der Kohleverstromung aussteigen will. Eine Brückenfunktion wird Gas einnehmen, dessen Bedeutung in den nächsten Jahren sogar noch steigen wird, dann aber ebenfalls durch grüne Energie abgelöst werden soll.



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