Samstag, 14. Oktober 2023

Krisen oft hausgemacht: Wir verschlafen die Zukunft aus Ignoranz

 hier   FOCUS-online-Gastautor   Donnerstag, 12.10.2023

Unser technologisches Zeitalter bringt exponentielles Wachstum mit sich. Doch was passiert, wenn wir das Neue verdrängen? Ein zukunftspsychologischer Einblick von Prof. Dr. Thomas Druyen, der Licht ins Dunkel der Ignoranz bringt.

Was sind die größten ignorierten Probleme, die unsere Wettbewerbsfähigkeit beeinträchtigen?

Die Beeinträchtigung ist längst schon Realität. Nehmen wir nur den demografischen Wandel.
Seit mindestens 50 Jahren kennen wir die demografische Entwicklung. Wir wussten, dass jetzt fast 19 Millionen Babyboomerinnen und Babyboomer in Rente gehen. Dass sie enorme Lücken im Arbeitsmarkt hinterlassen, dass sie Ausfälle im Bundesvermögen bewirken und das sie das Gesundheits- und Pflegewesen massiv in Anspruch nehmen werden. Auch die gesamte ökologische Herausforderung ist seit Jahrzehnten bekannt. Spätestens seit dem Bericht des Club of Rome im Jahre 1972 war klar, dass wir die Natur über alle Maßen beeinträchtigen.

Also sind Ignoranz oder Verdrängung von gesellschaftlichen Problemen gewaltige Boomerangs, die uns immer existenziell auf die Füße fallen. Aber nicht nur das: in einem Verdrängungszeitraum von Jahren oder Jahrzehnten potenzieren sich die negativen Folgen und auch die Kosten der verspäteten Bewältigung. Ignoranz ist fatal und ein absoluter Krisenbeschleuniger.

In der Zukunftspsychologie untersuchen wir die psychologischen Auswirkungen der Digitalisierung, der Künstlichen Intelligenz, aber auch der Überforderung durch schnelle, gesellschaftliche Veränderungen. Wir analysieren die Wirkung von Transformation auf das Mindset. Dazu führen wir tausende Interviews und stellen Menschen Fragen, die erst eine Zeit in zehn Jahren betreffen. Wir suchen also in der Vorstellungskraft, in der Imagination und in der Phantasie der Menschen nach ihren Zukunftsbildern. Dies gibt uns emotionale und intuitive Eindrücke wie sie ticken.

In Studien stellen wir immer wieder fest, dass es mit der Veränderungsbereitschaft in Deutschland nicht gut bestellt ist. Dies ist die Kehrseite einer großen kulturellen Stärke unserer Bevölkerung: der Widerstandskraft. Wir wollen Sicherheit, Planbarkeit und Vorhersehbarkeit. Dies ist aber in Zeiten der exponentiellen Veränderung immer schwieriger. So werden Verdrängung und Ignoranz zu Strategien des Selbstschutzes.

"Aus der Zukunft lernen: Der Leitfaden für konkrete Veränderung"
von Thomas Druyen


 
Wie beeinflusst die exponentielle Entwicklung unserer Technologie unsere Fähigkeit, langfristige Probleme zu erkennen?

Das Erkennen von Problemen ist absolut kein Problem. Fast alle gravierenden Probleme, die uns jetzt existentiell bedrohen, kennen wir seit Jahrzehnten. Zwei hatte ich zu Anfang schon genannt. Aber auch die Energieversorgung, die Entwicklung des Gesundheitssystems, die Flüchtlingsthematik und die globale Machtverschiebung sind schon lange akut und vorhersehbar. Unser Problem, das Problem der Welt ist die Tatsache, dass mögliche Lösungen immer völlig verschiedenen Interessen, Ideologien und Machtkonstellationen geopfert werden. Die damit verbundene Verzögerung, Verbiegung und Entkräftung von Lösungen verschlimmert und potenziert die Bedrohungslage.

Die technologische Exponentialität, also die extreme Beschleunigung von Entwicklungen, allen voran die Künstliche Intelligenz kann uns massiv helfen, Probleme noch früher zu identifizieren, aber vor allem nach objektiven Lösungen zu suchen und sie eben blitzschnell umzusetzen. Dazu wären aber gemeinschaftliche Entscheidungen notwendig. Da sehe ich gerade schwarz. 


Welche Mechanismen können eingeführt werden, um sicherzustellen, dass wir uns den blinden Flecken unserer Strategien bewusst werden?


Gute Frage. Bislang lernen wir aus der Vergangenheit. Unsere gesamte Bildung stützt sich seit Jahrtausenden auf die Vermittlung und Aneignung von Wissen. Mit einem guten Beruf oder einer nutzbringenden Tätigkeit konnte man vor allem in den letzten sechzig Jahren ein ausgeglichenes Leben führen. Dieser Mechanismus hat sich durch die technologischen Revolutionen der letzten zwanzig Jahre maximal verändert. Das Neue kommt schneller in unser Leben als jemals zuvor. Aber die Übertragung dieses Neuen in unsere Bildung dauert viel zu lang. Wir laufen der schnellen Entwicklung hinterher.

Ein Beispiel ist die Künstliche Intelligenz, die schon im Jahre 1958 gedanklich entwickelt wurde. Diese rasende Organisation und Durchleuchtung aller verfügbaren Daten wird unsere Art des Lebens, des Arbeitens und des Sinnstiftens völlig verändern. Allein das Smartphone zeigt uns allen wie schnell das geht und plötzlich unverzichtbar wird. Der neue Mechanismus macht das Verstehen und Benutzen wichtiger als das Wissen.

Welche praktischen Schritte können wir heute ergreifen, um sicherzustellen, dass unsere Zukunftsfähigkeit nicht durch veraltete Denkmuster behindert wird?

Die jungen Generationen haben diese Schritte schon längst umgesetzt. Sie lesen keine Bedienungsanleitung und Einführungsbücher mehr, sondern sie nehmen die technischen Geräte sofort in Gebrauch. Sie lernen spielerisch und experimentell während des Benutzens und Anwendens. Fehler und sofortige Adaptionen werden dabei zu neuen Bausteinen des Lernens. Die Theorie folgt mittlerweile der Praxis und nicht mehr umgekehrt. Das ist ein neues Denk- und Handlungsmuster.

Die Auswirkungen dieser spielerischen Technikaneignung bewirkt bei jungen Menschen, die schon mit zwei oder drei Jahren damit anfangen, auch neuronale Veränderungen. Das Gehirn wird neu programmiert und führt demnach auch zu neuen Verschaltungen. Dies wird andere Einstellungen und andere Mindsets zur Folge haben. Jede Generation ist jetzt gut beraten, sich dieser Entwicklung offen und in der eigenen Geschwindigkeit zu stellen. Probieren und Machen erzeugt Zukunftsfähigkeit. Ignoranz und Verdrängung sind tatsächlich unsere schlimmsten Feinde.

Thomas Druyen beschäftigt sich seit über drei Jahrzehnten mit den Auswirkungen von Veränderung auf die Psyche, die Gesellschaft und die Generationen. Er ist seit 2015 Direktor des Instituts für Zukunftspsychologie und Zukunftsmanagement sowie seit 2006 Direktor des Institutes für Vergleichende Vermögenskultur und Vermögenspsychologie an der Sigmund Freud Privat Universität in Wien. Sein aktuelles Buch heißt: „Aus der Zukunft lernen – der Leitfaden für konkrete Veränderung.“

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