Donnerstag, 4. April 2024

Söders Genderverbot: Ein "*innen" - das reicht als Botschaft

 hier Süddeutsche Zeitung   3. April 2024, Von Bernd Kastner

Demo gegen Söders Genderverbot: Vor der Staatskanzlei haben Protestierende ihren Unmut gegen das bayerische Genderverbot ausgedrückt.

Zwei Personen klettern vor der Staatskanzlei auf Fahnenmasten, um gegen das Genderverbot der bayerischen Regierung zu protestieren. Auch bei den Studierenden in München regt sich Widerstand.

So ein Mast ist ein multifunktionales Ding. Er taugt nicht nur für weiß-blaue Fahnen. Wenn zwei oder mehr nebeneinanderstehen, lässt sich auch ein Transparent dazwischen spannen. Direkt vor der Staatskanzlei, auf der Seite des Hofgartens, klettern am Mittwochnachmittag zwei junge Personen auf zwei der Fahnenmasten. Dass sie sich den Garten von Ministerpräsident Markus Söder (CSU) ausgesucht haben, ist kein Zufall, man ahnt es, als sie das Transparent zwischen den beiden Stangen spannen. "*innen" steht drauf, nicht mehr. Ein Sternchen und fünf Buchstaben in fünf Farben reichen aus für ihre Botschaft: gegen das Genderverbot.

Seit 1. April gilt in Bayern, dass in Landesbehörden, in Schulen und Hochschulen nicht mehr gegendert werden darf. Beschluss der Staatsregierung aus CSU und Freien Wählern. Seither regt sich Widerstand. Zu sehen etwa auf einem Transparent am Eingang der Kunstakademie und zu beobachten in Söders Garten. Die protestierende Gruppe von "Schüler*innen" hat einen Flyer vorbereitet: "Ausgerechnet diejenigen, welche von Sprachpolizei und Verbotspartei sprechen, wollen uns nun die Sprache verbieten", steht da. Eine Anspielung darauf, dass die CSU in der Klimadebatte die Grünen gerne als "Verbotspartei" tituliert. "Liebe Söder*innen", schreibt die Gruppe, "wir werden weiterhin so schreiben und sprechen, wie wir wollen, und anderen die Wahl lassen. Wir Schüler*innen lassen uns das Gendern nicht verbieten." Die Gruppe ruft dazu auf, am Montag, dem ersten Tag nach den Osterferien, "ganz fett *innen" auf die Tafel zu schreiben.


Pressemitteilung aus dem KlimaCamp  03.04.24 

++Mit Sternchen gegen das Genderverbot++ 

Wer am heutigen Vormittag den 03.04.2024 um 13:45 Uhr die Bayerischen Staatskanzlei  besuchte, erlebte eine Überraschung: zwei Schüler*innen kletterten auf Fahnenmasten neben dem Haupteingang. Zwischen ihnen hissten sie ein Banner mit der Aufschift „*innen“. Oben setzten sie sich in selbst installierte Schaukeln zu dem Banner. Damit wollen die beiden Schüler*innen auf das Bayerische Genderverbot aufmerksam machen, dass die sprachliche Freiheit von Schüler*innen einschränkt. Mit der Aktion wollen sie andere Schüler*innen, Auszubildende und Student*innen auffordern, in Klausuren sowie im Alltag weiter zu gendern, um sich gegen Diskriminierung auszusprechen. Auch Lehrer*innen und Direktor*innen sollen dazu ermutigt werden, sich nicht in ihrer Sprache und im Schriftverkehr einschränken zu lassen. Gerade die bevorstehenden Abitur– und Abschlussprüfungen sehen die Schüler*innen als Plattform um den Protest zu verdeutlichen

„Wegen der anstehenden Prüfungen bleibt nicht viel Zeit für Protest. Trotzdem ist es mir wichtig auf das Thema aufmerksam zu machen“, erzählt Sky Lutzen, eine der kletternden Personen, „auch wenn das bedeutet, dass ich auf einer Schaukel für Mathe lernen muss.“ Staatskanzleichef Florian Herrmann, von der CSU hatte der Süddeutschen Zeitung in einem Artikel gesagt: „Für uns ist die klare Botschaft: Sprache muss klar und verständlich sein.“ [1] Juna Stepovic, eine der Kletter*innen, hält dem entgegen: „Das neue Gesetz zum Genderverbot, ist ein Mittel der CSU, mit dem sie versucht, Menschen eine Sprache aufzuzwingen, die sie selbst als richtig erachtet.“ 

Die Bayerische Staatsregierung hat ein Verbot für die Verwendung von Sonderzeichen zur Geschlechterumschreibung im dienstlichen Schriftverkehr erlassen. [2] Dieses Verbot bezieht sich unter anderem auf das Gendern in Klausuren oder Prüfungen. Die Schüler*innen sehen dieses Verbot als „bevormundend“ und „diskriminierend“ an.  „Ich finde es unfassbar, dass Bayern das Gendern verbietet und so die Diskriminierung durch das generischen Maskulinums fördern will. Damit sollen systematisch Menschen, die sich keinem Geschlecht zugehörig fühlen, aus der Sprache ausgeschlossen werden. Auch weiblich gelesene Personen werden dadurch weiter diskriminiert“, so Juna Stepovic. 

„Als nichtbinäre Schüler*in finde ich es erschreckend dass queere Schüler*innen so aus dem Schulalltag ausgegrenzt werden sollen. Wenn das Sternchen rot angestrichen wird und Lehrer*innen nicht mehr gendern dürfen, würden Kinder lernen, dass es falsch wäre, queer zu sein. Das macht mir Angst“, ergänzt Sky Lutzen. Den Schüler*innen geht es nicht in erster Linie darum, alle Menschen dazu zu bringen zu gendern. Ihnen ist es wichtig, dass alle Menschen frei darüber entscheiden können, ob sie gendern oder nicht. Das Bayern jetzt ein Verbot erlassen hat, ist aus Sicht von Juna und Sky ein Problem, da Menschen sich jetzt nicht mehr aktiv dafür entscheiden können, ob sie gendern wollen oder nicht.

Sprache ändert sich andauernd. Wir nehmen neue Wörter in unseren Sprachgebrauch auf, verändern sie, oder übernehmen neue Formen. Sprache verändert sich, weil Menschen überzeugt davon sind und es unterstützen. Wenn nicht, verändert sich die Sprache auch nicht. „Wenn das Gendern für so viele Menschen ein Problem wäre, würde es sich einfach nicht durchsetzten und das 'Problem' würde sich von selber regeln. Anscheinend wird es aber akzeptiert und in den Sprachgebrauch aufgenommen, sonst hätte die CSU kein Problem mit dem gendern“, so Stepovic. Die beiden Schüler*innen rufen dazu auf, am Montag den 08.04.2024 nach den Ferien in Klassenzimmern ein Zeichen gegen das Verbot zu setzen. „Schreibt es an die Tafel, oder hängt ein selbstgemaltes Banner aus eurem Klassenzimmer!“, steht auf ihren mitgebrachten Flyern. 

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